Impro: Witz

Von Witz zu Witz, von Kick zu Kick

Von allen Möglichkeiten, das Publikum zu reizen, zu unterhalten, zu einer Reaktion zu bewegen, ist ein Witz die billigste. Ein Spruch ist schnell gerissen, ein paar Leute giggeln, man bekommt seine kleine Belohnung, der Druck entweicht und man kann sich kurz entspannen, ehe man den nächsten Kick braucht und dafür mit dem nächsten Spruch aufwarten muss. Impros, die so spielen, sind wie Fußballer, die immer sofort aufs Tor schießen, wenn sie den Ball bekommen. Egal, wo sie stehen oder wie viel Vorarbeit nötig war.

Das Publikum passt sich an

Diese plumpste Form der Unterhaltung ist für die Impros am pflegeleichtesten, weil sie am wenigsten Fähigkeiten erfordert. Man muss nicht auf die anderen Impros schauen, sich nicht verändern, man muss keine Spannung aushalten können, keine Charaktere spielen, keine Umgebung installieren und beachten, nicht singen, reimen und auch nicht auf die Geschichte achten – und wenn das Publikum gelacht hat, beschwert es sich hinterher auch nicht. Es korrigiert einfach seine Erwartungen herunter von „Unterhaltung“ auf „zum Lachen gebracht werden.“ So, wie das Privatfernsehen die Erwartungshaltung von „eine Sendung bieten, die man aufmerksam verfolgen möchte“ abgesenkt hat zu „einen im Hintergrund seicht rieselnden Geräuschteppich erzeugen.“

Impro-Alltag: Jeder gegen jede

Nun ist es zwar so, dass diese Spielweise, die auf dem seriellen Abfeuern von Pointen basiert, sehr beherrschbare Anforderungen an die Impros stellt, doch diese Anforderungen entsprechen nicht unbedingt den Talenten aller anwesenden Impros. Folgerichtig gibt es in solchen Gruppen Impros, bei denen das Publikum lacht und solche, bei denen es öfter lacht. Die weniger erfolgreichen in diesem Spiel wenden sich entweder (hoffentlich) ihren wahren Stärken zu oder aber erblassen, wie es viel zu oft geschieht, vor Neid neben den „erfolgreichen“ Impros und wünschen sich nichts sehnlicher, als auch so witzig zu sein. Damit ist das Tor aufgestoßen zu einer beliebig ausdehnbaren persönlichen Tragödie.

Nichts gegen Klamauk

Ein guter Gag ist ein guter Gag. Dagegen ist erstmal nichts einzuwenden. Wie oft aber haben wir schon gesehen, dass – mitsamt den Gesichtszügen der Mitspielenden – ein ganzer Plot in Flammen aufging, weil ein Impro der Versuchung nicht widerstehen konnte, alles bisher gemeinsam aufgebaute zum Wohle seines persönlichen Ruhmes kurzerhand abzufackeln. Gags sind dann ein Minusgeschäft, wenn sie den Gagreißenden oder die anderen Impros aus der Geschichte reißen, den Plot verraten oder alle so irritieren, dass sie vom relevanten Motor der Geschichte, der Beziehungsebene, abkommen. (Um die Handlung so festzuhalten, dass man auch Gags machen kann, ohne die Szene zu sprengen, habe ich mir einen Trick ausgedacht, der erstaunlich simpel und wirkungsvoll ist und zum Bereich die Füße sagen immer die Wahrheit gehört: Wer seine Füße in der Position stehen lässt, wie sie vor dem Gag waren, kann die emotionale Zugkraft der Szene aufrecht erhalten und einfach weiter spielen. Ja, es ist wirklich so simpel. Und nein, ich hätte das auch nicht geglaubt, wenn ich es nur irgendwo gelesen hätte. Achtet mal darauf. Wenn ein Gag eine Szene sprengt, sieht man das daran, dass die Impros buchstäblich davon von ihrem Standpunkt gepustet wurden.)

Nichts gegen Theater

Bevor man als Impro also lernt, wie man witzig ist, sollte man erst einmal lernen, wie man klar kommt ohne witzig zu sein. Dann sollte man lernen, wie man eine Szene oder Geschichte weiter führt, obwohl jemand (möglicherweise man selbst) witzig ist (siehe oben). Und wenn man das kann, braucht man sich um das Thema normalerweise nicht mehr zu kümmern. Weil man entweder eine vielseitigere Form gefunden hat, sein Publikum zu unterhalten, oder weil, und das ist der häufigere Fall, der Witz dann aus den Szenen und den Charakteren kommt und das Publikum herzhaft lacht, statt über Kalauer und hintersinnige Wortspiele halb im Schmerz und halb aus Höflichkeit zu kichern. Klamauk ist letztlich nichts gegen Theater, weil gutes Improtheater viel mehr bietet – ohne die Gags deswegen auf der Strecke lassen zu müssen. Es geht nämlich beides, wenn man weiß, wie.

Noch nicht überzeugt?

Macht nichts. Denn letztlich ist der Witz, auf dem all diese schnellen Gags basieren, tatsächlich recht einfach zu erlernen und zu trainieren. Der Begriff „Witz“ bedeutete früher die Fähigkeit, Gemeinsamkeiten zu erkennen. Diese Fähigkeit ist eine, die man mit ganz simplen Assoziationsübungen auf die richtige Art durchgeführt trainieren kann. Falls also eine Karriere als Witze reißender Alleinunterhalter/-in geplant ist: auf geht’s!