Impro: Weltenbau – Die Kunst der Illusion

Die inneren und äußeren Augen

Menschen sind visuelle Wesen. Dem Publikum bieten gute Impros viel für’s Auge. Und zwar sowohl für das äußere als auch für das innere Auge. Für das äußere, indem sie körperlich spielen und sich viel, pointiert und abwechslungsreich bewegen und für das innere, indem sie die Vorstellungskraft des Publikums in Bewegung setzen. Das kann man explizit tun, indem man den Zuschauenden erklärt, wo sich welche Dinge im imaginären Bühnenbild bewegen, oder ganz nebenbei, durch die realitätsnahe, nicht künstlerisch überhöhte Pantomime, die einige Impros auf hohem Niveau beherrschen. Fassen wir beides zusammen unter dem Begriff Weltenbau. Diese beiläufig wirkende Kunstform wird von Impros im Allgemeinen massiv unterschätzt. Dabei ist sie einer der Hauptträger des Unterhaltungswerts und einer der Haupt-Vorteile zum Beispiel den meisten klassischen Theaterinszenierungen gegenüber.

Stockholm-Syndrom der besten Art

Es gibt im Theater so viele Möglichkeiten, Welten und Perspektiven zu erschaffen, dass selbst die Filmemacher vor Neid schmale Lippen bekommen. Während bei wilden imaginären Kamerafahrten quasi alles erlaubt ist, sind realistische Rauminstallationen aber auch zerbrechlich und anfällig für Fehler, die oft nur schwerlich gerettet werden können. Auch Kleinigkeiten wie Blicke sind entscheidend für den Realismus von pantomimischen oder szenenmalerischen Installationen. Weltenbau braucht Wissen um die eigene Wirkung und die eigenen Möglichkeiten, braucht Kontakt zu den anderen, eine trainierte eigene Vorstellungskraft und ein Gefühl für das richtige Maß – Übererklären ist auch hier eine kleine Beleidigung des Publikums. Auch die Wege, auf denen wir die Vorstellungskraft der Zuschauenden erleuchten, sollten vielfältig sein. Wenn man schon Möglichkeiten hat, die Grenzen der Vorstellungskraft auszuloten, dann soll man sie auch nutzen. Jedes Publikum liebt es, auf diese Art verzaubert und in eine andere Welt entführt zu werden.

Weltenbau an – und weg mit den talking heads

Während in realitätsnahen Szenen Weltenbau am besten beiläufig betrieben wird, kann er in fantastischen Szenen einen eigenen, prominenten Platz einnehmen. Erschaffen wir Landschaften, detailreiche Gewänder, Zimmer, die für ihre Bewohner sprechen, lassen wir Burgmauern effektvoll zerbrechen, uns respektvoll Abstand vom Würgeschlangen-Terrarium halten und lauter sprechen, weil der Wasserkocher so einen Lärm macht. Das ist es, was den Unterschied zwischen einer erzählten Geschichte und der Magie einer erlebten Realität, einem real gewordenen Traum, einer vollkommenen Illusion ausmacht.

Egal, auf welche Weise er passiert: Der Einsatz der Fantasie des Publikums ist absolut essenziell für eine gelungene Veranstaltung, weil, seien wir mal ehrlich, selbst wenn die Impros glücklicherweise hübsch anzusehen sind, ist “bewegungsloser Dialog vor dunklem Hintergrund” auf Dauer fad. So weit lassen wir’s aber nicht kommen.