Impro: Veränderbarkeit – Schlüssel zu echter Dynamik

Außen und innen

Dynamik besteht aus Veränderung. Viele Gruppen fallen bei dem Versuch, hohe Dynamik zu erzeugen, immer wieder in dieselben Fallen.

Die Erregungs-Falle

Ihr beobachtet es insbesondere bei weniger erfahrenen Impros: Die Szene muss losgehen (meistens durch dieses Relikt des Einzählens forciert). Keiner hat eine Idee, das kann man sehen, und jemand springt auf die Bühne, weil es losgehen muss. Der Charakter ist dann oft ein Spiegel des Impros in diesem Augenblick: Hektisch suchend schaut er oder sie sich um, scheint etwas zu suchen, es ist etwas wichtiges, dringendes, das sieht man an der Hektik. Ein schwieriger Anfang für die gesamte Gruppe, weil es eigentlich ausgespieltes Zeitschinden ist und kein Szenenanfang. Es könnte einer sein, doch die Impros geraten augenblicklich in den Kopf auf der Suche danach, das alles zu erklären und zu retten. Die Figur verspricht hohe Dynamik, doch es sind noch gar keine Elemente da, die eine Dynamik erzeugen könnten. Obendrein hat ein Impro sich hier in die Erregungs-Falle begeben: Weil keine Zeit blieb, den Charakter zu erspüren und auszustatten oder in Beziehung zur Umgebung zu setzen, besteht der Charakter nur aus dieser Hektik. Entweder, der Charakter bleibt sich treu, dann ist er für die Szene unveränderlich – was ihm den dynamischen Wert eines Stofftieres gibt – oder er gibt seine Hektik auf, wodurch der Charakter sich in Nichts auflöst. Erregung ist kein Charakter, auch eine Emotion ist kein Charakter. Und ohne Charaktere gibt es in einer Szene keine innere, also echte, Dynamik.

Die Action-Falle

Das Publikum liebt es, durchgeschüttelt zu werden und viel zu erleben – hohe Dynamik ist grundsätzlich unverzichtbar. Impros aber sehnen sich, wie alle anderen Menschen auch, nach Sicherheit. Da liegt es nahe, dem Publikum eine Form von Dynamik zu bieten, die für das Publikum nett und für die Impros sicher ist – äußere Dynamik, oder wie ich sie gerne nenne, Action. Lee White nennt diesen Ansatz gerne „Space Monkeys are attacking“, also Weltraumaffen greifen an. Eine fantasievolle äußere Handlung mit Action ist ein wunderbarer Rahmen für die eine oder andere Geschichte des Abends, keine Frage. Viele Gruppen verzichten aber darauf, diesen Rahmen auch zu füllen. Action allein ist nur oberflächliche Dynamik und entlässt das Publikum unbefriedigt. Es fehlt an Trägern wahrer Dynamik; siehe unten.

Die Energie-Falle

Dynamik und Energie liegen nahe beieinander, deshalb kann man sie leicht miteinander verwechseln. Eine hohe Energie der Figuren, insbesondere eine hohe körperliche Energie, hat Eigenwert und ist insbesondere im Kontrast zu Figuren mit niedriger Energie ein Segen. Alleine die eigene Energie zu behalten und nicht mit der Energie der anderen Figuren zu einem warmen Brei zu verwässern ist eine Leistung, die das Publikum bemerkt.

Konstant hohe Energie ist jedoch Gift für die Vielfalt. Und außerdem, und das mag überraschen, kein Garant für Dynamik. Erstens kann körperliche Energie einfühlsame Impros dazu verleiten, sich anstecken zu lassen und in eine der oben beschriebenen Fallen zu treten (oder beide). Zweitens kann es dazu führen, die notwendige Wirkungszeit eines Impulses anderer Impros zu verkürzen oder drittens sogar verhindern, dass ein Wechselspiel aus Impulsen sich überhaupt einstellt, weil alle durch ihre hohe Energie getrieben nur in die Szene hereingeben, zur Not gleichzeitig, und die Bühne schnell gefüllt ist mit einem Scherbenhaufen aus zahllosen Ideen, die alle herein geworfen, aber von niemandem gefangen wurden. Hohe Energie ist nicht Dynamik. Dynamik entsteht nur durch die Veränderung mindestens einer Figur.

Ein Hoch der Action: Äußere Dynamik hat ihren Platz

Wahre Dynamik kann nicht ausschließlich an der Oberfläche stattfinden. Und wenn der Plot noch so verrückt ist und immer noch mehr irrelevante Figuren auf noch spektakulärere Weise von den Weltraumaffen entführt oder vaporisiert werden – nach wenigen Minuten beginnt sich das Publikum zu langweilen. Es lacht zwar, weil mehrere Leute sich buchstäblich zum Affen machen, ist sich aber bewusst, dass es gerade einen bedeutungslosen Cartoon konsumiert. Nicht falsch verstehen: Cartoons sind toll. Sie sind voll von fantasievoller, oberflächlicher Handlung (obwohl die guten alle letztlich auch durch eine persönliche Beziehung zusammengehalten werden!), sie bringen uns zum Schmunzeln und Kinder sogar zum Lachen. Sie haben also ihre Daseinsberechtigung. Vor allen anderen Dingen sind sie aber eines: kurz. Den Machern ist klar, dass man Bewegung in der Tiefe braucht, um Zuschauende länger zu motivieren. Wer ausdauernd an der Oberfläche bleibt, unterfordert und beleidigt das Publikum. Das Publikum wird sich fragen, warum es nicht einfach zuhause geblieben ist und den Fernseher angemacht hat – wo man ausschalten kann, wenn’s zu nervig wird.

Wahre Dynamik und echte Veränderung

Wahre Dynamik, bei allen Geschichten für alle Altersklassen, ist innere Dynamik. Ihre Motoren sind Charaktere, Beziehungen, Sehnsüchte, Ziele, ein Versprechen, Ungerechtigkeit. Geschehnisse in Geschichten bedeuten etwas, wenn sie jemanden verändern. Umgekehrt können wir innere Dynamik und Bedeutung erzeugen, indem wir uns verändern. Dazu ist uns jeder Anlass recht. Gute Impros sind wie Bärenfallen: bei der leisesten Berührung schnappen sie um in einen anderen Zustand, um sich – anders als die Bärenfalle – sofort wieder für die nächste Veränderung zu öffnen. Man kann alles als Angebot verstehen, sich zu ändern, selbst kein Angebot. Der dynamische Wert des oben erwähnten Stofftieres ist größer null. Man kann sich auch davon verändern lassen, dass der andere sich nicht verändern lässt. Oder wie Shawn Kinley immer wieder sagt (oder in meiner Gegenwart auch mal schreit): „If your partner doesn’t change, you change.“

Eine hohe innere Dynamik braucht nichts als Übung und die richtige Einstellung zur Impro und den anderen Impros. Dafür braucht es Mut und die Lust daran, sich selbst zu fordern und zu überraschen. Wenn diese Dynamik noch schlüssig sein soll und zu einer Handlung, zu einer Geschichte führen soll, ist gute Charakterarbeit Voraussetzung.

Aber kein Grund zur Verzweiflung. Wir erinnern uns: die Guten mussten das alles auch erst lernen.

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