Impro und Kreativität: Umgang mit Fehlern

Die Essenz von Neugier und Kreativität

Im Laufe unseres Lebens wird unser Umgang mit Fehlern dramatisch verändert. Kinder machen eigentlich keine Fehler. Sie probieren alle möglichen Sachen aus, und dabei passiert irgendwas. Irgendwann versuchen sie, bestimmte Effekte zu erzielen, und das Ergebnis bewegt sich irgendwo zwischen „voller Erfolg“ und „das ging in die Hose.“ Dem, was die Erwachsenen als „Fehler“ bezeichnen würden, kommt das Ergebnis am nächsten, wenn es weh tut und der Instinkt uns nahelegt, ähnliche Ergebnisse künftig zu vermeiden.

Was Fehler sind

Für Kinder sind Fehler aber selbsterklärend. Wenn was schief läuft, dann spürt man das sehr direkt und sehr deutlich. Jetzt ist es so, dass Erwachsene – insbesondere Lehrkörper in einer auf industrielle Verwertbarkeit ausgerichteten Unterrichtungsmaschinerie – von Kindern einen gewissen Verhaltensrahmen fordern. Dadurch wird es nötig, die natürliche, selbst-evidente Schmerzantwort eines unzweckmäßigen Verhaltens zu imitieren und dem Kind in irgendeiner Form Schmerzen zuzufügen, wenn es von Erwachsenen ungewolltes Verhalten zeigt. Das kann man entweder wie früher, hochoffiziell und durch Gewebestress induziert erreichen, also vor aller Augen mit dem Rohrstock, oder subtil und pädagogisch durch Ermahnung, schlechte Noten und verbalen oder nonverbalen Hohn, also jeder Form sozialer Ausgrenzung. Es ist erwiesen, dass soziale Ausgrenzung ebenfalls eine Form von Schmerz erzeugt, dass also dieselben Hirnareale aktiviert werden wie für die neuronale Repräsentation von physischem Schmerz; aber der Lehrkörper muss sich hierbei weniger verausgaben, was die Prozedur effizienter macht, und zugleich bleiben wie beim Waterboarding keine sichtbaren Narben zurück, was die Prozedur sozial akzeptabel, fresh und modern macht.

Diagnose

Auch wenn die Schulen sich inzwischen bemühen, sich den Anforderungen unseres Jahrhunderts anzunähern und viele talentierte Lehrende andere Wege gehen, kommt das für alle, die jetzt im Berufsleben stehen, zu spät.  Das ist zwar so etwas wie ein Beinbruch – aber die kann man heutzutage ja sehr gut behandeln. Ziel ist es, uns selbst wieder in einen Zustand bringen, in dem wir frei von diesen Dressurversuchen aus unserem Potenzial schöpfen können.

Noten

Schulen fordern vor allen anderen Dingen Fleiß und Unterwerfung. Wie gut ihr darin wart, könnt ihr anhand eurer Noten noch heute nachlesen. Falls ihr schlechte Noten hattet, macht euch keine Sorgen. Schlechte Noten können durch alles zustande kommen und haben laut einigen Studien nicht die geringste Aussagekraft. Weder über eure Fähigkeiten, noch über eure Persönlichkeit (höchstens über eure Eigensinnigkeit und eure Widerstandskraft), oder über euren privaten oder beruflichen Erfolg. Falls ihr gute Noten hattet – keine Sorge: gute Noten sind kein Beinbruch. Auch sie sagen nichts über eure Kreativität aus, höchstens, dass ihr sie unterdrücken konntet, wenn das vonnöten war. Gute Noten zeigen am ehesten an, dass ihr im betreffenden Zeitraum gut darin wart, euch selbst zu beherrschen und das auch wolltet.

Warum Fehler falsch sind

Fehler sind ein soziales, künstliches, abstraktes Konzept. Fehler sind falsch, weil auf sie eine Bestrafung erfolgt. Das ist der einzige Grund, warum Fehler falsch sind. Die Bestrafung zielt immer auf unsere Angst, ausgeschlossen zu werden und nicht mehr dazu zu gehören. Für Rudeltiere ist das eine extrem tief verwurzelte Angst. Diese gesellschaftlich tolerierte psychische Gewalt durch Erziehungsberechtigte und -beauftragte ist der einzige Grund, warum Fehler falsch sind. Es türmen sich Studien auf, die beweisen, dass man durch Ausprobieren, Scheitern und wieder Weiterprobieren viel, viel schneller und nachhaltiger lernt als durch vorkauenden Frontalunterricht.

Die Hoffnung

Kreativität zu unterdrücken ist eine Angewohnheit, die dem Gros der Bevölkerung über Jahre eingebrannt wurde, falls ihr studiert habt, sogar über Jahrzehnte hinweg. Dennoch kann man vergleichsweise schnell Bedingungen schaffen, unter denen Menschen wieder aufblühen und auf die schlafenden Ressourcen ihres Gehirns wieder zugreifen können. Dass das Ganze auch noch mit Spaß und Gelächter zusammenfällt und dass dieser Spaß die Sache obendrein auch noch effizienter macht, wissen Impros schon lange.

Diese befreienden Erfahrungen alleine reichen oft nicht, um die tief liegenden Reaktionsmuster, mit der uns diese Dressur gesegnet hat, aufzulösen. Ich habe sehr erfahrene Impros gesehen, die diese Muster noch immer haben und die sie teilweise kognitiv überbrücken; das kann man oft sehr direkt beobachten. Wenn man ein echt helles Köpfchen ist, kann das klappen, allerdings bleibt der oder die Impro vielleicht trotzdem ein Schatten dessen, was möglich wäre.

Eine Haltung, die intuitiv Unerwartetes aufgreift und einbaut, anstatt sie zu kaschieren, ist Sache von besonderem Training. Eine gute Fehlerbehandlung ist der Dreh- und Angelpunkt für einen guten Impro. Man wird freier, schneller, unempfindlicher, witziger, klüger und mitreißender, wenn man diese Altlasten dank gutem Training abwerfen kann.