Impro: Szenenarbeit

Impro ist Szenen machen

Bis auf wenige, gänzlich abstrakte Ereignisse moderner Improvisationskunst kann man praktisch alle Aufführungen von Improvisationstheater in Szenen unterteilen. Sie stellen die Segmente, aus denen eine Show, ein Match oder eine abendfüllende Geschichte bestehen.

Eine lausige Szene ist kein Beinbruch. Die gibt es beileibe nicht nur beim Impro. Auch Szenen, über deren Ablauf sich Autoren wochenlang den Kopf zermartert haben, können lausig sein. Und auch außerhalb von Improbühne und Theater kriegen wir viel Lausiges zu sehen. Man muss nur für fünf Minuten einen Fernseher anmachen, um in dieser Frage Sicherheit herzustellen.

Impro-Typen

Eine Szene darf also schief gehen. Eine. Wenn Szenen dauernd schief gehen oder eigentlich meistens so irgendwie la la sind, dann ist der Erfolg der Gruppe und meistens damit die Gruppe als solche in Gefahr.

Meiner persönlichen Erfahrung nach gibt es zwei Extremformen bei Impros, was die Szenenarbeit angeht. Das eine Extrem möchte ich mal die Talent-Rabauken nennen. Impros, die irgendwie gute, wilde, sympathische Typen sind. Leute, die naturkomisch sind und sich daran freuen. Die können auf die Bühne kommen, Spaß haben, ohne je zu wissen, was genau sie da tun, und das Publikum liebt sie – die geborenen Entertainer. Es funktioniert, denken die sich, die Leute ham Spaß, ich hab Spaß, die zahlen sogar Eintritt dafür – einwandfrei. Was soll ich mich anstrengen, anders zu werden? Never change a winning dingsda, oder?

Das andere Extrem nenne ich Impro-Streber. Das sind Leute, die ganz genau verstehen wollen, wie Impro funktioniert, damit sie es richtig machen können und zum Erfolg hin arbeiten können. Sie sind der Überzeugung, dass das korrekte Ausführen der Improvisationstechniken in der gebotenen Weise in der richtigen Reihenfolge folgerichtig zur Zufuhr von Liebe durch das Publikum führt. Deshalb exerzieren sie die immer gleichen Basisübungen immer und immer wieder durch, ohne sie sich zu eigen zu machen. Impro-Streber haben wie alle anderen Streber auch eine hohe Akzeptanz oder sogar Bewunderung für Autoritäten, in Deutschland ohnehin, was zu einem gewissen Guru-tum bei vornehmlich exotischen Impros geführt hat.

In der Realität sind Impros mit ihrer Einstellung zur Szenenarbeit natürlich irgendwo dazwischen oder irgendwie beides, trotzdem kann ich mir vorstellen, dass viele von euch jetzt gerade Gesichter von Leuten im Kopf haben, die eines der beiden Klischees mehr oder weniger erfüllen.

Beide Extremtypen verpassen etwas. Und bei beiden Extremtypen verpasst das Publikum etwas. Denn letztlich sind beide Typen zur Mittelmäßigkeit verdammt, wenn sie sich nicht der anderen Seite öffnen.

Was tun?

Den Talent-Rabauken und allen, die sich durch ihre Beschreibung erkannt oder ertappt fühlen, empfehle ich ganz allgemein, auch mal nach links und rechts zu schauen und den anderen Impros und den zahlenden Leuten mit Wertschätzung und einer Prise Demut zu begegnen.

Den Impro-Strebern möchte ich Mut machen; Mut zu sich selbst. Ich möchte ihnen raten, Hilfsmittel, gute Ideen und gute Ideengeber nicht so ernst zu nehmen. Aus dem, was gute Leute machen, kann man Regeln ableiten, welche die implizit erfüllen. Rückwärts gegangen kann man aus einem bloßen Regelkatalog aber keine interessante Person basteln. Seid glücklicher und zufriedener mit euch selbst, dann können die anderen es auch sein.

Beiden rate ich, sich selbst und die eigenen Bedürfnisse nicht so ernst zu nehmen. Das macht auch außerhalb der Bühne vieles leichter.