Impro: Spieler und Regisseur

Impro-Gehirne

Als Impros haben wir die besondere Anforderung, mehrere Perspektiven zugleich einzunehmen. Wir müssen die Perspektive unseres Charakters durchhalten – das beinhaltet unter anderem, unser Wissen von dem des Charakters zu trennen – und zugleich die Vogelperspektive des Regisseurs einnehmen. Das alles müssen wir überwiegend gleichzeitig leisten, müssen Spieler und Regisseur zugleich sein.

Das ist allein neurologisch spannend und es gibt tolle Studien darüber, was genau Impros besser können (müssen) als Leute mit Alltagsberufen.

Dennoch wird diese zweite Perspektive des Regisseurs oft in einer Weise betrieben, die nicht zur Gruppe passt.

Der planende Regisseur

In einem guten Szenenansatz, in dem ein Charakter, seine Haltung und seine Umgebung angelegt sind, ist die gesamte Geschichte enthalten. Je nachdem, welches schlaue Buch man fragt, gibt es in der Welt der Geschichten lediglich sieben, zehn oder zwanzig Master-Plots, denen alle erfolgreichen Geschichten folgen. Wenn man sich nun wie zum Beispiel die Crumbs als Impro-Duo seit Jahrzehnten kennt, buchstäblich Tausende von Shows gemeinsam geliefert hat und sich darüber hinaus so gut kennt, dass einem ein Wimpernschlag des anderen alles über dessen Ideen, Assoziationen und Gedanken verrät, dann ist der planende Regisseur eine gute Wahl. Ein kurzer Blick, ah ja, Handlung Nummer vier. Mh, könnte, je nachdem, was in Szene zwei passiert, auch eine Handlung sechs werden, schauen wir mal. Es muss ja nicht nach Plots durchnummeriert sein, aber mit so viel Erfahrung spürt man, wo der andere den Hasen hinlaufen sieht.

Der planende Regisseur schont die Resssourcen der Impros. Wenn man sich auf einen Rahmen einigt, muss man darüber kaum noch nachdenken. Er bietet ein hohes Maß an Sicherheit und Orientierung. Seine Voraussetzung ist aber eine hohe Synchronisierung der Impros.

Der implizite Regisseur

Die meisten Improgruppen sind keine Duos (auch wenn die sich in der Zukunft sicher noch mehren werden), sondern bestehen aus fünf, zehn, fünfzehn Impros. Sie haben eine höhere Fluktuation, Spielende sind mal ein, drei, fünf Jahre da, ehe sie umziehen und kommen und gehen natürlich nicht gleichzeitig. Sie sind unterschiedlich alt und haben unterschiedlich viel und unterschiedliche Erfahrungen auf der Bühne; nicht nur für die soziologische Dynamik ist das relevant, auch beim gemeinsamen Spiel. Man kann sich nicht darauf verlassen, dass ein anderer Impro dieselben Assoziationen, die gleiche Stoßrichtung hat. Nur dann aber rentiert sich der planende Regisseur. Wenn ich ohnehin überprüfen muss, ob der oder die andere es geschnallt hat, wo ich hin will, nimmt das die Energieersparnis des Planers weg und führt lediglich zu einem Gezerre darüber, wo die Geschichte nun lang gehen sollte – einem Gezerre, welches das Publikum überdeutlich wahrnimmt. Der planende Regisseur funktioniert nicht für solche Gruppen.

Solche Gruppen brauchen den impliziten Regisseur. Moment-Entscheidungen müssen so gefällt werden, dass am Ende ein schlüssiger, also wie geplant wirkender, Bogen entsteht. Diese Entscheidungen dürfen aber nicht aus dem Kopf der Impros stammen, weil es sonnt wieder auf die strategischen Manöver des planenden Regisseurs hinausläuft und damit auf Führung.

Führung

Es gibt natürlich auch die Möglichkeit, dass der Silberrücken der Gruppe oder die alte Dame die Führung übernimmt und das Ganze immer wieder in „die richtige“ Richtung schubst. Wer gerade der Silberrücken ist, kann sich in der Vorstellung der Impros auf der Bühne aber auch mal ganz schnell verschieben. So führt mal sie, mal er, wer eben fester zieht.

Nicht das schlechteste? Nein. Aber Nummer zwei gleich hinter „heilloses Chaos“.

Nicht nur, dass diese Spannungen zwischen den Impros (statt zwischen den Charakteren) fürs Publikum im besten (!) Fall belustigend sind, die Methode eines Impros, der eine Idee präsentiert, welcher die anderen folgen, ist grundsätzlich der falsche Ansatz, langweilig für die Zusehenden, hat nichts mit Impro zu tun und dient meist lediglich dazu, Egos der dominierenden Impros einer Gruppe zu streicheln.

Warum?

Standup versus Improvisation

Natürlich gefällt es Leuten mit guten Ideen, diese zu haben. Und zu präsentieren. Und sich dafür feiern zu lassen. In manchen Gruppen sind die Ideen der Impros der einzige Mehrwert der Aufführung und das soll man solchen Gruppen auch nicht wegnehmen. Wie alles haben auch gute Ideen und die Führung durch einzelne ihren Platz auf der Impro-Bühne. Man muss sich eben im Klaren darüber sein, dass das dann Standup-Comedy mit Statisten ist und nicht die Mannschaftsleistung eines Improvisations-Ensembles.

Wahl des Orientierungspunktes

In jedem einzelnen Augenblick auf der Bühne, fantastischerweise sogar, wenn wir solo improvisieren, haben wir die Wahl, ob wir uns an der Zielvorstellung in unserem Kopf orientieren oder an unserem Gegenüber, dem anderen Charakter und seiner Reaktion. Ersteres hat den Vorteil, dass wir unser Ziel erreichen, für den unwahrscheinlichen Fall, dass alle anderen genau dasselbe Ziel haben und auf demselben Weg dorthin wollen. Zweiteres hat den Vorteil, dass wir gemeinsam an einem Ziel ankommen – und das Publikum fragt „Wie haben die das gemacht?“, „Woher haben die das gewusst?“, „Wie soll das improvisiert sein?“

Verbindung und Sinnlichkeit

Wir führen, wenn wir einer Idee folgen, die unsere Aufmerksamkeit nach innen zieht. Weil uns das, was wir dort sehen, mehr fasziniert als das, was vor uns steht. Oder mehr Sicherheit verspricht. Doch das Publikum sieht immer, ob gerade jemand führt und wer das ist. Jemandem hinterherdackeln kann jede und jeder. Das beeindruckt die Leute nicht. Wenn man mit seinem Partner eine Einheit bildet – und das kann man üben – dann sind die Leute gebannt und können nicht wegsehen. Selbst, wenn die auf der Bühne nichts tun. Diese Qualität herzustellen wird durch verschiedene Clownstechniken erleichtert. Sie markiert den Unterschied zwischen einer Impro-Gruppe und einem Ensemble, zwischen einem Haufen von witzigen Typen und einem Kunstwerk. Diese Qualität erzeugt den impliziten Regisseur.

Der Schlüssel zu dieser Kunst ist die Fähigkeit, aus dem eigenen Kopf herauszutreten. Der Schlüssel hierzu ist Sinnlichkeit. Diese Art zu spielen ist von innen und von außen völlig anders als das, was man auf den Impro-Bühnen zu 99,5% zu sehen bekommt. Wer sie kennt, will nicht mehr zurück.

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