Impro: Solo-Improvisation

Solo-Improvisation: Der maximale Horror

Solo: Sich ohne Plan und ohne Spielpartner für eine, zwei oder drei Stunden vor ein zahlendes Publikum zu stellen ist die größte Herausforderung, die mir für einen Improkünstler einfällt. Die Anforderung, mehrere Charaktere, deren inneren Veränderungen und die Umgebung zugleich in sich selbst und um sich herum abzubilden, zwischen Figuren und Funktionen zu springen und dabei parallel die Perspektive des Regisseurs einzunehmen ist nirgendwo höher. Es gibt keine Zuflucht, keinen Moment außerhalb des Fokus. Zugleich muss man durch ausgewiefte Techniken verhindern, zu sehr voraus zu planen und sich stattdessen selbst ständig neu überraschen und inspirieren.

Viel Feind, viel Ehr

Dies alles ist möglich, setzt aber das Beherrschen beinahe aller wichtigen Techniken auf einem hohen Niveau voraus. Gill Bernard hat der Disziplin noch die Krone aufgesetzt, indem sie in Würzburg vor der Speerspitze der planetaren Improszene ein Solo-Impro-Musical spielte und dafür von Leuten, die wissen, was das bedeutet, mit stehendem Applaus geehrt wurde.

Es ist also möglich, auch wenn die schiere Intensität nicht für jede(n) etwas ist. Für Solo-Improvisation gibt es besondere Techniken.

Was sich für mich bewährt hat:

  1. Musik. Stille erhöht die Spannung und für die Impros auf der Bühne den Druck. Musik gibt der Zeit zwischen den Worten Bedeutung und Richtung und einen zusätzlichen Einfluss. Sie erhöht den Flair und den Wert des Auftritts. Zudem ist mit einem Musiker oder einer Musikerin jemand da, den man von der Bühne aus ansprechen kann. Musiker/innen können auch verbal eingreifen und je nach Impro-Erfahrung die Rolle eines Theatersport-Directors weniger oder mehr ersetzen. Zudem bietet die Musik auch die Möglichkeit, Charaktere über Lieder emotional und mit Motivation aufzuladen, was enorm dabei hilft, das Publikum emotional einzubinden und Linien zu spinnen, aus denen man dann seine Geschichte gleichsam entdeckt und webt.
  2. Das Publikum aktiv einbinden. Wenn man einen Namen vergessen hat, keine Ahnung hat, was in der geöffneten Schatulle sein könnte, wer zur Tür herein kommt, oder was der Protagonist als nächstes unternehmen soll: Warum nicht das Publikum fragen? Dort sind Dutzende von Experten, die genau wissen, was sie gerade wollen. An der Art der Vorschläge bemerkt man, ob es einem gelungen ist, am Anfang einen guten Draht zum Publikum aufzubauen, das heißt: Das Publikum zu aktivieren, zu interessieren und ihnen ein Gefühl dafür zu geben, dass schöne Vorschläge – also solche, die zwischen dem Offensichtlichem und dem Originellen liegen – sich mehr auszahlen als ein provokativer Gag, der nur die Grenzen dessen austestet, was die Impros auf der Bühne zu tun bereit sind. Wenn viele Rufe der zweiten Kategorie kommen, empfehle ich a) mehr Zeit auf das Aufwärmen und Einbinden des Publikums und auf den Kontakt zu ihm während der Show zu leben und b) sich selbst weniger wichtig zu nehmen. Menschen haben durch ihre Schulzeit meist noch allergische Reflexe, was autoritäres oder wichtigtuerisches Verhalten von Menschen, die vor ihnen stehen angeht. Mit einer Prise echter Demut und Dankbarkeit kann man hier Wunder bewirken.
  3. Den Klammerreflex überlisten. Für diesen Teil braucht man einen guten Geruchssinn, um Inspiration und Angst genau voneinander zu unterscheiden. Wir alle haben auf der Bühne alle möglichen Ideen, in welche Richtung die Szene oder Geschichte so ungefähr weiterlaufen könnte. Wenn das mit einer erregten Vorfreude einhergeht: Weitermachen, gut so! Das entwickelt Zug in eine Richtung, wird aber nicht sklavisch. Man bleibt flexibel und hält die Tür offen für Wendungen, die auch für einen selbst überraschend kommen: Impro-Gold. Sobald man aber das Gefühl hat, diese Szene oder Geschichte KANN nur und genau nur so weiter gehen oder gerettet werden, wie der Problemlösungsapparat zwischen unseren Ohren da gerade ausgerechnet hat – dann kann es brenzlig werden. Man versteift sich, blockt (auch sich selbst kann man blocken) und verhindert Lösungen, die besser sein könnten als das, was wir festgelegt haben. Zu meiner Anfangszeit habe ich solche hartnäckigen Eingebungen überlistet, indem ich bis zu dem Augenblick, in dem ich eine Szene betrat, mir selbst gegenüber so tat, als würde ich meinem fixen Plan genau folgen. Mit dem ersten Schritt auf die Bühne gab ich mir dann eine Körperlichkeit, die mit der Idee vollkommen unvereinbar war, was mich zwang, wieder frisch zu improvisieren. Also wenn die fixe Idee war, als der König die Szene zu betreten, gab ich mir eine geduckte, hüpfende Tiefstatus-Körperlichkeit. Publikum und Mario wissen augenblicklich: Herein kommt alles, aber nicht der König. Es ist die Körperlichkeit eines Hofnarren – zum Beispiel. Fixe Ideen bekommt man auch in einem Warmup vor der Show gut unter und befreit sich damit davon. Sobald eine Inspiration streng und verbindlich wird und zu sagen scheint „NUR DAMIT kannst du das alles hier noch retten“, habt ihr einen Klammeraffen. Macht euch locker, hängt ihn an einen Ast, damit er euch zusehen kann, und dann improvisiert wieder. Wenn ihr Angst habt, dass ihr gar nicht weiter wisst, fragt das Publikum.

Solo hat natürlich wirtschaftliche Vorteile, aber auch gruppendynamische; Nur ein sehr unrundes Ego kann mit sich selbst kollidieren. Zudem ist es natürlich für Ehrgeizige die ultimative Herausforderung. Und Selbsterfahrung. Und Belohnung.

Auch für Gruppenmitglieder

Solo zu üben ist aber nicht nur für Profis. Viele Gruppen-Impros machen sich Sorgen, dass sie die Bühne nicht alleine für längere Zeit füllen können und fürchten, nicht gerettet zu werden oder immerzu gerettet werden zu müssen. Solo-Training kann hier Abhilfe schaffen. Da merkt man auch, ob das etwas für einen ist.

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