Impro: Selbstlosigkeit

Gründe für das alles

Bevor wir zur Selbstlosigkeit und ihrem Warum und Wozu kommen, beginnen wir am Anfang einer Impro-Karriere. Es gibt viele Gründe, sich auf eine Bühne zu stellen. Und in jedem Menschen verbinden sich diese Gründe in einer Mischung, die so einmalig ist wie dieser Mensch selbst. Dieser individuelle Motivations-Cocktail ist die Essenz, aus der man die Zukunft eines Impros lesen kann.

Ironie des Talents

Hedonismus ist ein verständlicher Grund, sich auf die Bühne zu stellen. Insbesondere Impros, die mit einer Schubkarre voller Talent gesegnet sind und sehen, wie viel Belohnung sie für etwas bekommen, das ihnen ausgesprochen leicht fällt, sehen oft keinen Grund, an sich zu arbeiten. So müssen Leute, die sich für die Hälfte dieses Talents einen Finger abschneiden würden, mit ansehen, wie diese Talente sich selbst zur Mittelmäßigkeit verfluchen.

Lernkurve

Ein Impro, der oder die in dieser Betätigung nichts höheres sieht als den eigenen Lustgewinn, wird früher oder später zur Belastung der Gruppe, wenn die Gruppe nicht genügend Fluktuation hat. Denn es ist gleich, auf welchem Niveau, mit welchem Talent jemand anfängt: Solange dieser Jemand nur beständig klitzekleine Schritte vorwärts macht, wird er denjenigen, der sich in seinem Talent sonnt, irgendwann überholen. Und hinter sich lassen.

Verantwortung der Gruppe

Die bemühten Impros können es weit bringen. Sie orientieren sich öfter an den anderen, sind aufmerksamer und deshalb oft die besseren Teamspieler, auch wenn sie vielleicht tendenziell mehr im Kopf sind und dadurch nicht so viel Strahlkraft haben. Die Talentierten haben eigentlich die bessere Ausgangsbasis. Aber wenn ihre Gruppe ihnen durchgehen lässt, dass sie immer ihr eigenes Ding drehen und nicht an sich und ihren Gruppenfähigkeiten arbeiten, legt sie damit eine Zeitbombe.

Gut genug

Es gibt, und das liegt wohl im individuellen Motivations-Cocktail, Impros, die Verbesserungsdrang spüren, und es gibt Impros, die „gut genug“ sind. Je nach Typen-Zusammensetzung einer Gruppe hat man entweder eine lahme oder eine chaotische. Wenn eine Gruppe beides hat, ist die Mischung explosiv. In jeder Hinsicht.

Niemand ist so gut, dass er oder sie sich nicht mehr anstrengen muss. Eine Ungleichheit darin, wie viel die Gruppenmitglieder an sich arbeiten, führt zu Frustration und verstärkt Schieflagen. Die einzige Rechtfertigung dafür ist, wenn die gesamte Gruppe sich einig ist, dass niemand sich anstrengen muss, weil alle alle gut genug finden. So eine Gruppe ist mir aber noch nicht begegnet.

Die drei Arten von Selbstlosigkeit

Selbstlosigkeit als Ideal eines Impros bedeutet hier drei Dinge. Zum einen, bei Druck nicht in den Kopf zu geraten, also, sein Selbst zu aktivieren und zu konsultieren, sondern immer wieder in den Körper zu rutschen.

Zum anderen bedeutet es, seine soziale Hülle auf der Bühne abzulegen, weil man sonst in der Breite der Leute und Dinge, die man darstellen kann, eingeschränkt ist. Frauen sind dem Drangsal von Reputation und Gesichtsverlust oft stärker ausgesetzt als Männer und schränken sich daher stärker ein. Bei Männern gehört es traditionell zum Balzverhalten, sich zum Affen zu machen, daher sind Hemmungen hier meist weniger stark; bei Persönlichkeiten, die sich gerne auf einer Bühne darstellen, scheinen derart gelagerte Hemmungen sogar noch seltener zu sein.

Drittens aber meint Selbstlosigkeit, irgendetwas höher zu bewerten als das eigene Ego oder den eigenen Genuss (der selbst natürlich auch direkt oder indirekt auf dem Streicheln dieses Egos basieren kann). Egal, was ein Impro wichtiger nimmt als das Ego, seien es die Menschen im Publikum, die Szene, die Mitspielenden, Impro als Kunstform, Ausgewogenheit…- egal: Das allein gibt Hoffnung darauf, dass er oder sie den anderen zuhören wird, eigene Ideen zurückhalten wird, den anderen vertraut und sich darauf einlässt, in Kontakt zu treten ohne zu planen, kurz: Impro zu spielen.

Die wichtige Frage

Darum ein Appell an alle Impros: seid selbstlos. Zumindest oft.  Das ist nun etwas, das man schwerlich trainieren kann. Es gleicht mehr einer Haltung. Diese Haltung wiederum hat sehr viel damt zu tun, was Impro einem bedeutet und warum man es macht. Wenn man an sich also bemerkt, dass man in Szenen meistens führt, dass einem die eigenen Ideen eigentlich immer besser vorkommen als die der anderen oder als das, was gerade auf der Bühne passiert; und wenn Leute sagen, dass man ein guter Spieler/eine gute Spielerin ist, aber trotzdem unverständliche Dinge von einem fordern, dann kann diese Frage weiterhelfen: Aus welchem Grund spiele ich Impro? (Und aus welchen Gründen spielen die anderen).

Eines der Dinge, die eine Improgruppe tun muss, um zu einem Ensemble zu werden, ist, über diese Frage zu sprechen.