Philosophie und Persönlichkeit: Identifikation

Folgende Themenüberschrift wurde mir geschickt:

„Das Loslassen von Identifikation. Sein ohne jemand bestimmtes zu sein“

Hier meine Gedanken zu dieser Überschrift und zu Identifikation

Bemerkenswert an der Anfrage finde ich die explizite Verwendung von Identifikation statt Identität. Das ist, wenn Absicht, sehr scharfsinnig und konzise, weil es große Teile der philosophischen Debatte ausklammert und genauer auf den Punkt des Interesses verweist. Denn ginge es um Identität, so wäre nach einer intrinsischen (also im Ding selbst steckenden), objektiven Eigenschaft gefragt, nach etwas, das tatsächlich manifest vorhanden ist, egal, ob ein Beobachter dazu ein Konzept hegt oder nicht.

Identität hat viele Aspekte: Formallogische, dann natürlich das, was eine Person „wirklich ist“ (darüber wurden ganze Bibliotheken gefüllt), außerdem, was sie selbst denkt, was sie ist, was andere denken, was sie ist, die Wechselwirkung aus allen diesen Teilaspekten und auch noch der Bedeutung dieser Wechselwirkung. Dieser ganze Kuddelmuddel wurde hier umgangen, denn während Identität eine Eigenschaft ist, ist Identifikation ein Prozess. Nämlich der Prozess des Zuordnens von bestimmten Eigenschafften oder benennbaren Eigenschaftsbündeln („Angeber“, „Genie“, „Talent“, „Geizhals“, „Quatschbase“) zu einer (auch der eigenen) Person.

Warum machen Leute das?

Menschen versuchen stets, über Sprache Kontrolle über ihre Umgebung auszuüben. Das sieht man nicht nur in Verhandlungen und auf der Impro-Bühne, wenn man den Spielenden die anderen Möglichkeiten, Kontrolle auszuüben, nimmt, sondern in praktisch jedem Gespräch, selbst im schädelinneren Monolog. Durch unsere Sprache beeinflussen wir nicht nur die Zuhörenden, sondern wir gestalten mit unseren Begriffen auch unsere Realität und damit die (Wahrnehmungs-)Welt, in der wir leben. In gesprochen Worten wie in gedachten. Welches Bild wir etwa von uns selbst haben, quillt aus unseren Sätzen nur so hervor. Wir spielen unseren Einfluss in vergangenen Ereignissen hoch oder herunter, waren Gestalter oder Opfer; auch das situationsspezifische Anpassen derselben früheren Ereignisse an aktuelle Bedürfnisse ist immer wieder mal zu beobachten.

Das sprachliche Einzäunen von Teilen unserer Wahrnehmung gibt uns das Gefühl von Sicherheit. Menschen mit vielen, kleinen Kisten, also einer differenzierten Sprache haben noch mehr Möglichkeit, sich die Realität in Echtzeit zurechtzugestalten, was sie in den Augen der Leute mit gröberen Kisten oft sehr suspekt erscheinen lässt. Leider oft zurecht.

Nun gibt es uns aber auch ein Gefühl von Sicherheit, Beständigkeit, Kontinuität und Stabilität, wenn wir uns selbst in solche Kisten packen. Das sieht ordentlich aus und man hat das Gefühl, dass das Eigentliche, das, was in den Kisten drin steckt, umso schwieriger heraus kann, je enger die Kiste sitzt. Wir tendieren also dazu, nicht nur Dingen Namen zu geben, sondern eben auch uns selbst und unseren Eigenschaften. In der Hoffnung, dass wir auch in Zukunft in diesen Kisten bleiben mögen. Je mehr Menschen sich vor Veränderung und Unsicherheit fürchten, desto genauer und häufiger werden die Kisten nachjustiert.

Ich habe Menschen kennengelernt, die jeden dritten Satz mit einer solchen verbalisierten Identifikation anfingen, zum Beispiel nach dem Schema „Ich bin ein Mensch, der…“. Oft habe ich mich gefragt, warum Menschen sich solche Sätze drüber stülpen. Je besser ich mich kennenlerne, desto schwieriger finde ich es, treffende Aussagen über mich zu machen, und auch die Aussagen meiner Mitmenschen über mich könnten nicht diverser und widersprüchlicher sein. Woher also dieses Festklammern?

Die Sicherheit, die wir durch das Hineinzwängen in sprachliche Corsagen erleben, ist nämlich eine äußerst dünne. Wenn wir über uns sprechen, dann ist das Geschichtsschreibung. Diese ist a) auf die Vergangenheit gerichtet und b) meistens für eine Seite übertrieben schmeichelhaft. Sie hat keine Verbindlichkeit und keine Voraussagekraft über die Zukunft und kann also lediglich dazu dienen, einer vorgefassten Meinung über uns, sei sie nun positiv oder negativ, in die Karten zu spielen. Wir halten uns an etwas fest, das stabil ist, aber vielleicht mit uns gar nichts zu tun hat.

Warum stattdessen „sein, ohne jemand bestimmtes zu sein“?

Wenn diese sprachlichen Kisten ohnehin den Inhalt, also unsere Persönlichkeit, nicht dort fixieren können, wo wir wollen – und wir uns lieber überraschen lassen wollen von unserer Vielseitigkeit; Wenn wir offen sein wollen, damit diese Überraschungen uns auch ins Auge fallen und nicht dem vorgefertigten Bild zum Opfer, warum dann nicht einfach auf beschreibende Kategorien verzichten? Warum sich vormachen, man wäre immer gleich? Oder warum sich vormachen, man wüsste, wie man ist? Es gibt Menschen, die Jahrzehntelang meditieren, und es noch immer nicht wissen. Hinzusehen und hinein zu fühlen, wie man ist, bringt einen letztlich doch näher zu sich als der fixe Beschluss von oben oder gar von außen, wer und wie man zu sein hat. Bestimmt zu sein heißt doch auch, vorbestimmt zu sein. Oder möglicherweise auch, von außen fremdbestimmt zu sein. Ist das auf jeden Fall besser, als unbestimmt zu sein?

Und jetzt wie?

Unsere sprachlich-analytischen Teile und Bewertungsinstanzen können – das ist übrigens auch einer meiner Kern-Tipps für die Impro-Bühne – immer ausgestochen oder weggespült werden durch Sinnlichkeit. Unser Wahrnehmungsapparat hat den millionenfachen bis zehnmillionenfachen Datendurchsatz unserer sprachgebundenen Verarbeitungsinstanzen. Wer die Schleuse aufmacht, Körpergefühl, Emotionen, Bilder, Gerüche, Stimmungen und Geräusche an sich heranzulassen und zu einer Sinfonie der Wahrnehmung verschmelzen zu lassen, der nimmt sein Standbein weg von den bewertenden, artikulierenden Teilen. Einfach schauen und genießen. Don’t believe it, just watch. Man muss es nicht verstehen und auch nicht glauben, was da kommt, einfach miterleben. Die Belohnung ist das Überwältigtsein davon, was da alles schlummert, was da alles erwacht, diese Tiefe, das Bunte, Vielseitige, Geniale, Unerwartete, Immerneue, Echte, das Eigentliche – das, was in den Kisten wirklich drin ist. Wer nicht bewertet, was da kommt, sondern es sich mit einer gütigen Neugier oder liebevollen Attitüde ansieht, für den gibt es auch keinen Grund, das, was er oder sie dort erlebt besser aussehen zu lassen, schlechtzureden oder kontrollierbar zu machen. Ihr seid ohnehin wie ihr gerade seid. Und das ist und bleibt letztlich – für die anderen, und für euch selbst – unfassbar. Aber eben auch: unfassbar wunderbar.