Philosophie: Logik und Wirklichkeit

Aus der neu gegründeten Reihe „Philosophie zum Abgewöhnen“ hier ein Thema aus dem Bereich der Logik.

Ein Problem, das in der Philosophie schon beinahe ritualartig von Generation zu Generation weitergegeben wird, ist der folgende Satz, der Bezug auf seinen eigenen Wahrheitswert nimmt:

„Dieser Satz ist falsch.“

Wissen muss man für die Konstruktion dieses Problems, dass mit „falsch“ nur „unwahr“ gemeint ist. Das „falsch“ bezieht sich also nur auf die Eigenschaft einer Aussage, genau entweder wahr oder unwahr zu sein – und nicht darauf, dass den Satz zu sagen einen taktischen Fehler darstellen würde, dass er in sich hinterlistig oder sonstwie mit unwünschenswerten Eigenschaften behaftet wäre. In der aufgeräumten, klinisch sauberen Realität philosophischer Denkweisen ist ein Satz entweder wahr oder unwahr, und auf nur diese Eigenschaft bezieht sich die Aussage des Satzes. Der Begriff „Wahrheitswert“ bezieht sich ebenfalls darauf und ist nur eine weitere Betonung der beiden Tatsachen A (Aussagen sind entweder wahr oder falsch) und B (Auch Philosophen verwenden gerne alltagsferne Begriffe, um ihre Arbeit spektakulärer wirken zu lassen).

Das Problem

Ein Satz kann nur einen einzigen Wahrheitswert haben, weil sonst der ausgedachte Begriff Wahrheitswert seinen Wert verliert. Wenn wir uns jetzt ansehen, welchen Wahrheitswert dieser Satz hat, passiert etwa Folgendes:

Wir lesen den Satz. Der Satz behauptet, unwahr zu sein. Wenn der Satz mit seiner Aussage richtig liegt, er also wahr ist, dann folgt daraus, dass der Satz unwahr ist (weil er das behauptet). Wenn er also wie korrekt behauptet unwahr ist, dann wäre seine Behauptung, unwahr zu sein, laut seiner eigenen Aussage unwahr, woraus folgt, dass er wahr wäre, wodurch er wieder unwahr würde, und so weiter.

Ist der Satz jetzt also wahr oder unwahr?

Hmmmm…kniffffflig.

Ja, mit so etwas beschäftigen sich Philosophen, während draußen die Sonne scheint. Noch verblüffender ist, dass dieses Problem sich so hartnäckig hält, obwohl die Lösung ziemlich einfach ist.

Wie so oft und wie an anderer Stelle schon betont, lösen sich viele philosophische Probleme mit einem Handstreich in Wohlgefallen auf, wenn man sie gegen jede akademische Praxis mit der Wirklichkeit konfrontiert. Natürlich ist das extrem unhöflich, denn bekanntermaßen stirbt jedes Mal, wenn man ein lukratives Problem löst, irgendwo ein Philosoph, aber in Zeiten, in denen Satiriker in einem Land mit Pressefreiheit aus Ländern ohne Pressefreiheit heraus verklagt werden (können), fällt es ohnehin nicht auf, wenn irgendwo noch ein Ethik-Experte verhungert.

Die Lösung

Oben haben wir gesehen, wie Philosophen sich vorstellen, was mit dem Satz passiert. Er ist wahr, wodurch er unwahr ist, was ihn wahr macht, weswegen der Satz so Schrödinger-mäßig in einer logischen Superposition aus Ichweißnichtwasichbin wabert.

In der Wirklichkeit passiert Folgendes:

Auf einem Blatt aus miteinander verwobenen und verklebten Zellulosefasern sind Spuren von pigmenttragenden, inzwischen getrockneten Flüssigkeiten, deren Moleküle bei einer Zimmertemperatur von sagenwirmal 300 Kelvin angeregt herumzappeln wie eine Lichtung, die gefüllt ist mit Hunderttausenden von Hippies, die alle versuchen, in verschiedenen Richtungen vor einem plötzlich eingetretenen Hagelsturm davonzulaufen, ohne sich deswegen gegenseitig loszulassen. Der Hagelsturm besteht in unserem Vergleich aus Photonen, die – anders als in unserem Hippie-Bild – genauso schnell, aber mit anderer Energie von den Hippies abprallen und zurück in den Himmel entschwinden.

Das ist zwar ein auf Nano-Ebene interessantes Spektakel. Aber mehr passiert hier erst einmal nicht. Soll heißen, dass diese Pigmente auf dem Papier ungeachtet ihrer Anordnung in keinerlei logischer Widersprüche verwickelt sind.

Dann betritt ein Philosoph das Zimmer, in welchem dieses Papier sich befindet. Und wie immer, wenn ein Philosoph hinzutritt, beginnen damit die Schwierigkeiten.

Die Photonen von dem Papier hageln auf die Netzhaut des Philosophen. (Ja, es ist ein Philosoph und keine Philosophin, und auch wenn es wahr ist, dass es in einer Höhle auf den Philippinen sowie in einer Astgabel am Fuße des Kilimandscharo jeweils eine PhilosophIN, also eine philosophierende Person mit innenliegenden Genitalien (gut, dass man bei Berufsbezeichnungen nur die Lage der Genitalien mit angeben muss – egal, ob die Ausübung des Berufes nicht einmal mittelbar den Einsatz der Genitalien einbezieht – und nicht auch noch Ethnie, Körpergröße, Überzeugungssystem, immunbiologische Details und Zehenlängenkoeffizienten) gibt; obwohl es also der Legende nach auch weibliche Philosophierende gibt, möchte ich darauf hinweisen, dass es bei allen Bestrebungen, durch die hehre Verumständlichung unserer Sprache gesellschaftlichen Wandel an der Wurzel zu forcieren in dieser Geschichte um einen männlichen Philosophen geht, dessen biologisches und verwaltungsspezifisches Geschlecht und dessen Gender rein zufällig und zu seiner eigenen, reflektierten und frei gewählten Zufriedenheit beide zur Gänze auf männlich verfallen, weswegen die Verwendung einer weiblichen oder verlaufsartigen Bezeichnung weder als Ersatz noch als Ergänzung unter irgendwelchen Umständen Sinn ergäben.

Angeregt durch die hereinhagelnden Photonen feuern die Netzhaut-Zellen im Auge des Philosophen; Die Kaskaden der Erregungen werden über den Sehnerv durch die seitlichen Kniehöcker (die corpora geniculatum laterale) geschossen, wo Kanten erkannt werden, weitergeleitet an den primärvisuellen Cortex blabla jedenfalls hat der Philpsoph durch in der Grundschulzeit angelegte Strukturen Subnetzwerke in seinem Gehirn, welche Buchstaben und Worte detektieren, melden und in nachgeordneten Verarbeitungsschritten miteinander in bedeutungsvolle Beziehung setzen können. Weil der Philosoph fließend lesen kann und kein Legastheniker ist, liest er worteweise und identifiziert durch die antrainierten Sakkadensprünge seiner Augen in chronologischer Reihenfolge die Worte Dieser sowie Satz, außerdem ist und falsch.

Das Gehirn des Philosophen ist eine erprobte Kontextmaschine und ermittelt die Gesamtbedeutung des Satzes.

Ich bitte um besondere Aufmerksamkeit für die Tatsache, dass erst jetzt, im Gehirn des Lesenden, ein Satz mit einer Aussage entstanden ist. Auf dem Papier ist nur Pigment, sonst nichts. Der Satz entsteht erst durch die Interpretation des reizverarbeitenden Systems des Beobachters, in diesem Fall eines Gehirns.

Wir haben jetzt gesehen, dass das Lesen der Pigmentstruktur ein Prozess ist – ein kreativer sogar. Denn obwohl das Gehirn einem erlernten, strikten Leitfaden folgt bei der Erschaffung des Satzes hat erst das Gehirn den Satz gemacht. Wer das anzweifelt möge bitte einmal ein komplettes Mathe-Buch aus der Oberstufe durchrechnen (bei dem Rechenverfahren vorgegeben sind und das korrekte Ergebnis bereits feststeht) und hinterher mit dem Brustton der Überzeugung sagen, dass das keine Arbeit war. Es sind Hefte voller Formeln und Ergebnisse entstanden, die hat jemand gemacht. Ebenso sind die Erzeugung des Satzes und die Interpretation der Aussage kreative Akte und ein Prozess, der erst (im Gehirn) realisiert werden muss, damit er überhaupt stattfindet.

Philosophen denken, dass es einen logischen Widerspruch gibt, weil der Satz sich gewissermaßen selber in den Schwanz beißen würde. Dieser rotierende Ring aus Sichselbstindenschwanzbeißung löst sich aber auf, sobald wir uns ansehen, welcher Prozess tatsächlich, in der Wirklichkeit, stattfindet:

  • Schritt 1: Der Philosoph geht testweise davon aus, dass der Satz wahr ist.
  • Schritt 2: Der Philosoph schlussfolgert, dass der Satz dann unwahr wäre.
  • Schritt 3: Der Philosoph schlussfolgert, dass der Satz dann wahr sein müsste.
  • Schritt 4: Der Philosoph schlussfolgert, dass der Satz unwahr sein muss.
  • Schritt 5: Der Philosoph schlussfolgert, dass der Satz wahr sein muss.
  • Schritt 6: Der Philosoph schlussfolgert, dass der Satz unwahr sein muss.
  • Schritt 7: Der Philosoph schlussfolgert, dass der Satz wahr sein muss.
  • Schritt 57948: Der Philosoph wird von seiner Frau verlassen und erhält einen Lehrstuhl für Philosophie.

Menschen ändern ihre Meinungen. Menschen ändern ihre Meinungen auch mehrmals über dieselbe Sache. (Beides gilt selbstverstänldich nicht für Philosophen – diesen wird in der Kindheit durch ihre Eltern die absolute Wahrheit überreicht, woraufhin sie den Rest ihres Lebens damit verbringen, anderen Akademikern zu erklären, warum ihre Eltern Recht gehabt haben.) Aber ungeachtet der Frage, wie oft Menschen ihre Interpretation der Umwelt oder von Teilen davon verändern – es kommt zu keinem logischen Zirkelschluss oder einem Problem (abgesehen von dem, dass der Philosoph von seiner Frau verlassen wird und sie die Kinder, das halbe Haus und das halbe Auto mitnimmt).

Was tatsächlich beim Interpretieren dieses Satzes passiert, ließe sich für jene, die sich an die Ursprünge der Programmierlogik erinnern oder sich schnell eindenken können, zusammenfassen wie folgt:

10 If (Wahrheitswert = 1) Then (Wahrheitswert = 0) else (Wahrheitswert = 1)

20 GOTO 10

Ein Programm dieser Form überschreibt abwechselnd die Speicherzelle, welche den Wert von Wahrheitswert enthält, mit 0 und 1. Ein Schalter klappt also abwechselnd hin und her. Das ist ein wenig stumpfsinnig, ein sehr einfaches Programm, aber es gibt keinen Widerspruch und kein formallogisches Problem. Die Prozessform ist also kein sich mit unendlicher Geschwindigkeit selbst in den Schwanz beißendes logisches Ungetüm aus einem immateriellen, logischen Kosmos, sondern eine Arbeitsanweisung, die dazu führt, dass ein verarbeitendes System immer dieselben Dinge tut. Durch die zeitliche Abfolge dieser Arbeitsschritte entsteht also kein Ring, sondern eine Spirale – wenn man gerne mit Bildern arbeitet.

Zusammenfassend kann man also sagen, dass der Satz kein Satz ist, solange er nicht gelesen wird und nur als Pigmentanordnung irgendwo existiert. Der Satz muss es von der Wirklichkeit in eine Realität schaffen, also in ein Bewusstsein, um zu einem Satz und zu einer Aussage zu werden. In dem Wort „Aussage“ steckt die Handlung ja auch schon mit drin. Und wenn keiner etwas ansieht und denkt „Oh, diese Struktur hier ist ein Satz und der will mir etwas sagen“ – dann sagt er auch nichts.

Die Relativitätstheorie der Philosophie

Das führt uns zu einem Punkt, den ich die Relativitätstheorie der Philosophie nennen möchte. Logische Operationen tun, für sich alleine, gar nichts. Operieren ist eine Tätigkeit von reiz- oder datenverarbeitenden Systemen, nicht von Anordnungseigenschaften von Pigment oder Pixeln.

Daraus folgen aber auch ein paar spannendere Dinge. Zum Beispiel folgt aus dieser simplen Lösung, dass

3+4=7

nicht stimmt. Beziehungsweise, dass diese Gleichung unspezifisch ist und ein Spezialfall auf einem Kontinuum zwischen rein formallogischer und rein prozessorientierter Betrachtung. Die „Gleichheit“, die das Zeichen bedeutet, bezieht sich nur auf bestimmte Eigenschaften der links bzw. rechts stehenden Dinge, aber nicht auf alle.

Denn prozessorientiert bedeutet die Aussage der Formel oben:

„Wenn Du drei Oliven nimmst, und Du nimmst vier Oliven hinzu, dann wirst Du danach gleich viele Oliven haben, als wenn Du gleich sieben Oliven genommen hättest.“

Der Unterschied ist zu vernachlässigen, wenn der Prozess mühelos durchgeführt werden kann. Bei komplexen oder schwierigen Rechenaufgaben wird aber schnell ersichtlich, dass es einen Unterschied gibt zwischen der Aufgabe und dem Ergebnis. Aufgabe und Ergebnis sind abzählgleich, aber auch nicht mehr. Die Aufgabe noch vor sich zu haben und die Bearbeitung der Aufgabe schon hinter sich zu haben sind aber zwei verschiedene Zustände. Arbeit, also Zeit- und auch Energieaufwand, stehen dazwischen. Der eigentliche Rechenprozess hat auf der linken Seite noch nicht stattgefunden, rechts aber schon. „Das Durchführen des links beschriebenen Prozesses nach den vorhandenen Regeln führt zum rechts beschriebenen Ergebnis“ bedeutet das Gleichheitszeichen. Aber sieben ist nur abzählgleich mit drei plus vier, aber eben nicht dasselbe. Auch könnte die sieben rechts durch alle möglichen anderen Operationen erreicht werden. Die Zahl 7 enthält nicht mehr die Information, wie sie zustande kam. Wenn ein Team aus aus drei Männern und vier Frauen besteht, kann ich das aus der Teamstärke von sieben nicht mehr ablesen. Oder, wenn das wegen der Heterogenität des Addierten hinkt: Ob das Team erst zu dritt war und dann zu siebt, oder ob es 15 Leute waren, von denen acht dieses Team verlassen haben, kann ich aus der Teamstärke von 7 allein nicht rekonstruieren.

Tautologien passé

Eine weitere bemerkenswerte Eigenschaft von prozessorientierter, also Beobachter-relativer Betrachtung ist, dass es keine Tautologien mehr gibt. Eine Tautologie ist eine Aussage ohne Informationsgehalt. Als typisches Beispiel wird die Beschreibung von Identität als Selbst-Gleichheit verwendet:

  1. a = a
  2. „Die erste Regel des Tautologieclubs ist die erste Regel des Tautologieclubs.“

In der Prozess-ausblendenden Sichtweise der Formallogiker sind Tautologie ohne Informationswert und damit effektlos.

In einem neuronalen Netzwerk wie einem Gehirn sieht das aber anders aus. Das Vorhandensein einer Manifestation eines Konzepts beeinflusst immer auch das Gesamtsystem. Heutige Computer bestehen aus unabhängigen Prozessen (auch wenn sie streng koordiniert werden). Wenn ein Teil der Festplatte ausgelesen wird, ist es vollkommen irrelevant, was in den nicht ausgelesenen Speicherzellen steht. In einem Gehirn hat das Vorhandensein von Strukturen immer einen Einfluss. Ein Mensch, der die beiden Tautologien oben gelesen hat und ein Konzept davon hat, was eine Tautologie ist, hat dieses als eine Handvoll aktivierbarer Netzknoten in seinem Gehirn mehr verglichen mit jemandem, der das Konzept nicht in seinem Netzwerk manifestiert hat; das Netzwerk sieht anders aus, da hängen ein paar mikroskopische Kabel mehr herum als vorher.

Das Vorhandensein dieser Kabel verändert das System. Auch wenn die Aktivierung der Subnetzwerk-Verkabelung auch in der korrekten Reihenfolge kein neues Ergebnis bringt und deshalb formallogisch wertlos ist, ist da trotzdem ein Gebilde, das einen Prozess durchführen kann und das vorher nicht da war.

Jemand, der ein Konzept kennt, hat mehr, als jemand, der dieses Konzept nicht kennt. So wie sich die hereinkommenden und in der Stadt befindlichen Fahrzeuge sich anders verteilen werden, wenn die Stadt drei zusätzliche Straßen baut, verändert ein zusätzliches Konzept auch, wie die hereinkommenden Reize in einem Gehirn verarbeitet werden. In einem neuronalen Netzwerk gbt es keine Tautologien.

Und jetzt viel Spaß hiermit:

Dies ist kein Satz.