Philosophie: Hat der Mensch einen freien Willen?

In der blauen Ecke: Die Philosophie. In der roten Ecke: Die Naturwissenschaften.

Obwohl das Beackern der Frage, ob der Mensch einen freien Willen habe, trocken und eher nach Ü-30-Party klingt, wurde und wird sie schon seit Urzeiten immer wieder gestellt und immer wieder unterschiedlich beantwortet. Neben dem bloßen Befriedigen von Neugier gibt es aber auch einige handfeste Gründe, diese Frage zu beantworten. Denn letztlich fußt unsere gesamte Justiz auf der Annahme, dass ein Mensch zwischen verschiedenen Handlungsoptionen grundsätzlich die Wahl hat und deshalb für diese freie Entscheidung die Verantwortung trägt (und gegebenenfalls teilenteignet oder in ein karges Zimmerchen gesperrt werden darf). Das erkennt man daran, dass jede nachgewiesene Einschränkung dieser Wahlmöglichkeit (Trunkenheit oder Drogeneinfluss, Notwehr, akute oder chronische geistige Einschränkungen, manchmal auch eine noch immer nachwirkende „schlimme Kindheit“) sofort Einfluss auf die Strafmündigkeit der Person hat.

Wenn zweifelsfrei nachgewiesen werden könnte, dass Menschen grundsätzlich keinen freien Willen haben, wäre unserem gesamten Rechtsapparat das moralische Fundament entzogen.

Jede staatliche Bestrafung würde zu einem willkürlichen, tyrannischen Akt und jeder Polizist reduziert auf einen fremden Bewaffneten.

Das sehen natürlich auch die Philosophen, weswegen sie sich stets eifrig bemühen, dem Menschen einen solchen freien Willen anzuinterpretieren. Experimente wie das von Benjamin Libet, die in eine andere Richtung zu weisen schienen, kommen da natürlich höchst ungelegen und schlagen Wellen bis in die neuere Philosophie, mehr als 35 Jahre später.

Was gäbe es denn überhaupt für Gründe, daran zu zweifeln, dass Menschen einen freien Willen haben?

FrankfurterEine eher intuitive Einschränkung von Willensfreiheit wäre zum Beispiel das Vorhandensein von Zwängen innerer Art. Eingesperrt sein ist ein äußerer Zwang und verringert meine Freiheit, nicht aber meine Willensfreiheit. Wenn ich aber Alkoholiker bin und Gelüste habe, die ich nicht haben will, dann habe ich, wie ein Philosoph namens Frankfurt das taufte, „Volitionen zweiter Ordnung“, also Wünsche, die sich auf Wünsche beziehen. Frankfurt sagt, solange diese Volitionen zweiter Ordnung mit denen erster Ordnung im Einklang stehen, bin ich frei. Also jemand, der gerne regelmäßig viel trinkt, hätte gar kein Problem (in dieser Hinsicht). Oder wenn ich Spinnenphobiker bin. Dann will ich diese Angst, diesen Wunsch, vor Spinnen zu entkommen, vielleicht gar nicht haben, weil ich gerne Höhlenforscher wäre. Dann wäre mein Wille in seiner Feiheit eingeschränkt. (Ich kann nicht Höhlenforscher werden wollen).

Etwas abstrakter ist da das Problem des Determinismus. Dieser Begriff steht für die Möglichkeit, dass das Universum im Gegensatz zu unserem Erleben sich nicht zufällig im Rahmen realer Wahrscheinlichkeiten entwickelt, sondern seit Anbeginn durch einen Anfangszustand und präzise Naturregeln wie ein auf Zelluloid gebannter Film bereits festgeschrieben ist. Auch, wenn wir die weiter hinten liegenden Szenen noch nicht gesehen haben und deshalb von ihnen Überrascht werden.

Wieso wäre das ein Problem?

Naja. Zwar kann man natürlich sagen, dass die Entscheidung von Darth Vader, den Imperator zu töten, anstatt mitanzusehen, wie dieser seinen Sohn Luke umbringt, Konsequenzen hatte. Aber wenn man den Film fünfmal gesehen hat und weiß, dass es nur diese eine Version des Films gibt, würden wir dann sagen, dass Darth Vader wirklich eine Wahl hat? Er tut immer dasselbe, sooft wir den Film auch abspulen. Zwar denkt er, dass er in diesem Moment eine Entscheidung fällt, aber diese Entscheidung fällt immer identisch aus. Seine Entscheidung macht also keinen echten Unterschied, sondern erfüllt nur die Forderungen der Naturgesetze wie ein im Sturm umfallender Baum. Und den Baum stecken wir ja hinterher nicht ins Gefängnis. (Ja gut, wir zersägen und verbrennen ihn, aber das ist ja wieder eine völlig andere Geschichte).

Dieses Determinismus-Ding hat den Philosophen lange zugesetzt (und setzt einigen noch immer zu). Wie könnte man den freien Willen und unser Rechttsystem dagegen schützen?

Einfachste Lösung: Behaupten, das Universum ist nicht deterministisch (für die Genauen: und auch nicht determiniert). Kann man machen, ist aber bis heute nicht klar zu beweisen. Quantenprozesse sind nicht determiniert, es handelt sich hier um reale Wahrscheinlichkeiten (also nicht nur „aus unserer Sicht“, sondern um ontologische, also in der Existenz der Sache liegende Wahrscheinlichkeiten). Aber selbst, wenn wir eine Schrödinger-Zufallsmaschine bauen, die Katzen in einer Kiste in einem ontologischen Schwebezustand hält, würde das auf die Welt eines Familienvaters in einem indischen Dorf auf der anderen Seite der Welt vielleicht gar keinen Einfluss nehmen und ihn also in der unbeirrbaren Mechanik des Universums gefangen halten.

Besser wäre es da, wenn wir einen eingebauten Quanten-Zufallsgenerator im Gehirn hätten! (Selbst die Philosophen haben inzwischen überwiegend zur Kenntnis genommen, dass unser Geist und Wille im allerweitesten Sinne mit dem Gehirn zu tun haben könnte). So ein Zufallsgenerator, den Eccles und der – ansonsten philosophisch äußerst begabte und bewundernswerte – Popper tatsächlich vorgeschlagen haben, kann natürlich nur Teil eines nichtdeterminstischen Universums sein. Wenn unser Gehirn irgendwo immer wieder durch Zufallsereignisse durchgewirbelt würde, wäre es nicht vorherbestimmt, der Wille wäre frei und wir könnten den kleinen Johnny endlich hängen! Juhu!

Jedoch.

Hm. Ja, hm wie „Hume“. Hume hatte schon Jahrhunderte vorher treffend angemerkt, dass es für meinen Willen eigentlich keinen Unterschied macht, ob meine Entscheidung jetzt durch harte Naturgesetze Atom-für-Atom vorherbestimmt wird oder durch einen Würfelwurf. Durch Zufall. Im einen Fall bin ich der Mechanik des Universums ausgeliefert, im anderen Opfer des Zufalls. „Tja, Johnny, hätte Dein Gehirn keinen Viererpasch gewürfelt, wärst Du jetzt frei und glücklich, Pech gehabt.“ TSCHUNKK!

Seele mit freiem WillenSelbst, wenn man das schmerzhafte Knacken der naturwissenschaftlichen Balken also ignoriert bei dieser Quantenzufallsgeneratoren-Nummer, selbst wenn es so WÄRE: Es würde uns nicht weiterhelfen. Selbst der Indeterminismus, also ein Universum mit offenem Ausgang, wäre keine automatische Garantie für unseren freien Willen. Man will doch SELBST entscheiden, nicht der Mechanik des Gehirns ausgeliefert oder von Zufallsereignissen abhängig sein! Es soll doch das Ur-eigene, der Charakter, die Persönlichkeit sein, die entscheidet! Zahlreiche quasi-theologische Ad hoc-Ideen über Seele und eine geistige Substanz, die das Gehirn steuert und die all diese Probleme einfach umgeht dadurch, dass sie, naja, rätselhaft und unerforschbar ist, prasselten aus den Ärmeln der Philosophen. Und dann kommt noch dieser Libet und zeigt, dass wir spontane Entnscheidungen erst bewusst mitbekommen, wenn unser Gehirn die Entscheidung längst ausgelöst hat. Diese elenden Empiriker und Naturwissenschaftler. Nichts als Ärger machen die. Wie kommt man da denn jetzt nur weiter?

Vielleicht: Am Anfang.

Fangen wir doch einmal vorne an. Was meinen wir denn mit freiem Willen?

Da kommen nämlich die ganzen Schwierigkeiten in grelles Tageslicht.

Damit der Wille frei ist, dürfen, wie wir oben gesehen haben, folgende Dinge schonmal nicht im Wege stehen:

  • Wünsche, die dem Willen entgegen stehen. Denn dann wäre der Wille ja eingeschränkt. (Wobei das zumindest für die Verantwortlichkeit kein Problem darstellt, solange der Wille, woher auch immer er stammt, sich gegen diese Wünsche durchsetzen könnte)
  • Alkohol, ein Schlag gegen den Kopf oder andere benebelnde Dinge. Weil die die Urteilskraft schwächen und die Konsequenzen unserer Entscheidungen für uns unscharf werden lassen.
  • Ein mechanistisches, determiniertes Universum, weil unsere Entscheidungen dann schon feststehen und nur für uns überraschend sind, aber nicht „in Wahrheit“.
  • Ein indeterministisches Universum, weil unsere Entscheidungen dann von Prozessen abhängen, die wir nicht beeinflussen können.

Kurz gesagt, damit unser Wille frei (und verantwortlich) ist, dürfen wir nichts wollen und das Universum darf weder vorherbestimmt noch nicht-vorherbestimmt sein.

Hm.

Knifflig.

Ein renommierter Philosoph aus Oxford hat uns mal an der Universität heimgesucht. Es ging um eben dieses Thema. Auf das Gehirn angesprochen, hat er fast gehustet vor Lachen und uns süffisant erklärt, dass er hier sei, um über den Geist zu sprechen, nicht über das Gehirn.

Wie sagt man so schön auf Denglisch. Let that sink in.

Das ist ungefähr so, als würde man sagen „Ich möchte hier über Tanz sprechen, nicht über die Bewegung menschlicher Körper“, oder als würde ein Formel-1-Mechaniker sagen „Ich will verstehen, wie Autos funktionieren – aber verschont mich um Himmels Willen mit Geschwafel über Motoren und Physik, okay!?“

Ja. Solche Dinge erlebt man – und Schlimmeres – in der Philosophie. An Univeristäten. Mit Erwachsenen. Mit Wahlrecht und Fahrerlaubnis.

Deshalb empfehle ich an dieser Stelle die von mir entwickelte Mario-Methode. (ich habe sie zwar erfunden, aber vermutlich nicht als erster. Bis ich herausfinde, wer sie zuerst entwickelt hat, nenne ich sie Mario-Methode. Hindert mich!). Diese Methode führt manchmal zu atemberaubend guten Ergebnissen bei philosophischen Fragen, auch solchen, die seit Jahrhunderten oder Jahrtausenden nicht geknackt wurden und kam deswegen auch in der Philosophischen Fakultät extrem schlecht an.

[Philosophen können von der Verwaltung eines Problems genauso gut Leben wie von der Lösung eines Problems. Das ist a) der Grund, warum die Naturwissenschaften sie nur noch im Rückspiegel knapp erkennen können und b) warum die Philosophie in Grundfragen keine Fortschritte mehr macht. Wer als Kapazität für die Verwaltung von Problem X einen Ruf erworben hat und X löst, müsste sich erst ein Probem Y suchen und darin einen Ruf aufbauen. Ökonomischer ist es also für den Philosophen, das Problem gegen (Auf)lösungsversuche mit aller Macht zu verteidigen und zu DER Kapazität für Problem X zu werden. Fortschritte gibt es daher in der Philosophie heutzutage nur noch dort, wo Philosophen heimlich die Arbeit von Mathematikern, Informatikern oder Naturwissenschaftlern machen.]

Die Mario-Methode führt immer wieder mal zu Lösungen und kam deshalb also besonder schlecht an. Sie bedient sich eines kleinen Umwegs über ein Terrain, das Geisteswissenschaftler meiden wie mittelalterliche Dorfbewohner das Geistermoor: Die Wirklichkeit.

Exkurs: Realität und Wirklichkeit. (Bitte Einspielermusik vorstellen)

Die Wirklichkeit ist der Wechselwirkungszusammenhang aller Entitäten im Universum, eine Reaktionseinheit, die wir als Geflecht von interagierenden Teilchen, Wellen und Strukturen interpretieren, verkürzt gesagt, das Universum selbst. Die Realität ist das, was wir glauben, was die Wirklichkeit wäre, aufgrund unserer Wahrnehmung und unserer Schlussfolgerungen.

Unser bester Zugang zur Wirklichkeit sind die Naturwissenschaften. Keine Realität deckt sich besser mit der Wirklichkeit als die, welche die Summe unserer naturwissenschaftlichen Theorien und Modelle vorschlägt (und welche eine künstliche Superintelligenz schon in zwei bis vier Jahrzehnten in Echtzeit träumen könnte). Schauen wir also mal, wie so eine Willensbildung wirklich abläuft und bilden wir uns dann ein Urteil. Um es spannender zu machen, fangen wir mit einem Gleichnis an.

Stellen wir uns ein Parlament vor, das aus verschiedenen Parteien besteht, Regierung und Opposition und Präsident. Da sitzen mehrere Hundert Leute. Leute, die in Grüppchen die Köpfe zusammengestreckt und einen Vorschlag ausgearbeitet haben, schicken jeweils jemanden vor, der den Vorschlag unterbreitet. Die Opposition buht oder lacht, die Unterstützer klatschen, das Übliche. Es gibt Gegenvorschläge. Manche werden verworfen, bei manchen sieht man, dass sie sich durchsetzen könnten, man schnürt ein Paket, es folgt die Abstimmung, Vorschlag B4TMAN1717 wird angenommen, der Präsident legt kein Veto ein – Alltag.

Jetzt die Frage: Hat dieses Parlament einen freien Willen?

Hä?

Wie soll ein Parlament denn einen freien Willen haben? Das sind doch 600 Protagonisten, die alle diskutieren, ringen, um Aufmerksamkeit buhlen und sich gegenseitig unterstützen oder bekämpfen!

Und genau so funktioniert ein Gehirn. Es sind zwar nicht 600 Protagonisten, sondern im Schnitt 86.000.000.000 und jeder von denen hat ungefähr 1000 Telefone gleichzeitig an, um mit den anderen zu sprechen, aber die Organisationsform ist vergleichbar. (An die Freudianer: Nennen wir den Präsidenten das ICH. (Das ICH besteht natürlich selbst auch aus einigen Hundert Millionen Protagonisten mit jeweils Tausend Telefonen.))

Jetzt die Frage: War die ZLG-Partei unfrei, weil ihr Vorschlag zum Haustierpfand nicht angenommen wurde? War die JGGT-Partei unfrei, weil ihr Vorschlag zur Lakritz-re-importneuordnung nur in abgewandelter Form in den Gesetzesentwurf kam? Natürlich nicht. Sie haben frei mit den anderen gehauen und gestochen und ihren Beitrag geleistet. Alle haben ihr Farbtröpfchen in die Mischung geworfen und das Gesamtergebnis wäre ohne ihren Beitrag anders ausgefallen.

Und trägt der Präsident, weil er den Gesetzesentwurf nicht mit einem Veto blockiert hat, die alleinige Verantwortung? Auch das ist absurd. Mit dieser Argumentation hätte man ja die Nürnberger Prozesse komplett weglassen können. Nein, das gesamte Kollektiv trägt die Verantwortung. (Es gab sogar schonmal die Diskussion, ob man denn überhaupt einen kriminellen Psychopathen als Ganzes einsperren dürfe, wenn doch nur ein kleiner Teil von ihm irgendwo im Gehirn krank und gesellschaftsschädlich ist.)

Wo führt das jetzt hin?

Das Willensfreiheits-Problem ist – vielleicht für den einen oder die andere überraschend – ein Tubulenzproblem. Turbulenzprobleme machen den Naturwissenschaftlern immer noch zu schaffen, weil Effekte und Elemente unterschiedlicher Größenordnungen betroffen sind und deshalb die Modelle für die einzelnen Größenordnungen von Systemen jeweils nicht hinhauen. Das kriegt man zu spüren, wenn man Verwirbelungen in Bächen oder an Tragflächen modellieren will, wenn man Gravitation und Quantenmechanik zusammenkriegen will oder eben auch dann, wenn man die Tätigkeit von Milliarden „einzelner“ Nervenzellen und die „Entscheidungen einer Person“ auf einen Nenner bringen will. (Überhaupt: Welcher Teil unseres Verhaltens gehört denn zu welcher Entscheidung genau? Fällen wir eine Entscheidung am Tag oder eine Million in der Sekunde? Sind alle Entscheidungen bewusst? Fragen Sie mal Ihren Hausphilosophen, wie er das beantwortet. Vor allem, ohne Bezug auf das Gehirn zu nehmen. Und bringen Sie Zeit mit.)

Auf der Ebene der Neurone macht der Begriff „Willensfreiheit“ überhaupt keinen Sinn. Er erfüllt keine Funktion, genausowenig wie für ein einzelnes H2O-Molekül der Begriff „Brandung“ oder für einen Ziegelstein das Wort „Dorfgemeinschaft“. Bedeutung bekommt so ein Begriff erst auf der Ebene, die von Psychologen untersucht wird oder über die Philosophen Mutmaßungen anstellen. Wenn man aber komplett auf diese übergeordnete Ebene wechselt und dabei die Tätigkeit dieser Neurone gänzlich außen vor lässt und das Problem rein auf der Persönlichkeitsebene lösen will, dann kommen solche Schwierigkeiten heraus wie diejenigen, die unsere Philosophen da eingangs erbastelt haben.

Jetzt also: HAT der Mensch einen freien Willen?

Menschen tun viele Dinge. [He, weich jetzt nicht aus! JA! Ich komme gleich zum Punkt!] Ihre Handlungen und Gedanken sind komplex und basieren aus dem Wechsespiel von Billionen winzigster Einzelphänomene im Gehirn. Dieses Wechselspiel hängt einerseits vom Input ab, also von dem, was das Gehirn von außen über die Sinneskabel an Situation aufgestrahlt bekommt, aber eben auch maßgeblich davon, wie die Verdrahtung im Gehirn ist und was der momentane Erregungszustand aller Teile ist.

Um diese dynamische Verdrahtung wiederum zu beeinflussen haben Menschen viele Jahre Zeit. Zeit, um ein Selbst zu entwickeln, ein implementiertes Korrektiv, welches das  in der Frühphase von außen eingebrachte Korrektiv („schmier’ das da nicht hin, Kevin“, „gib das zurück, Annette-Luise“) spiegelt und durch eine eigene Manifestation ersetzt. Selbst dieses Korrektiv kann von diesem Korrektiv korrigiert werden, so dass der Mensch immer und immer wieder die Möglichkeit hat, auf die Art und Weise, wie er oder sie denkt, handelt und fühlt Einfluss zu nehmen. Diese Möglichkeiten sind in Abhängigkeit von der frühkindlichen Außenwelt, dem Wissens- und Erkenntnisstand verschieden, ja, aber die viel besungene Neuroplastizität sorgt dafür, dass wir uns jeden Tag aufs Neue ein klein Wenig neu erfinden können. Ob man das on-the-go macht, indem man sich nicht jeden Gedanken durchgehen lässt, oder ob man sich jeden Tag eine Viertelstunde hinsetzt, um in einer Meditation den angefallenen Kram abzuarbeiten, ist sicherlich verhandelbar. Doch diese Millionen von Einzelenscheidungen sind es, welche prägen, wie wir uns in entscheidenden Situationen verhalten.

Um das Bild von oben nochmals zu bemühen: Ob in diesem Parlament gesittet diskutiert wird und worüber, ob man sich ausreden lässt, mit Schuhen beschmeißt, ob es menschenverachtend oder liebevoll zugeht, ob alle in Ruhe angehört werden und man dann gemeinsam eine Entscheidung fällt oder ob stets die Lautesten und Rohsten das Kommando an sich reißen – auf die Kultur dieses permanenten Diskurses also haben die Parlamentarier und vor allem der Präsident einen entscheidenenden Einfluss, jede Minute aufs Neue. Man hat milliardenfach mikroskopischen Einfluss darauf, was für ein Mensch man eigentlich ist und welche Entscheidungen so ein Mensch fällen würde. Egal, ob das Universum nun festgeschrieben ist oder nicht (für uns zählt ohnehin nur die REALE Vorhersagbarkeit – das wird deutlich erkennbar, wenn man an die Lottozahlen der kommenden Woche denkt), egal, ob einzelne Neurone nun Zufallsgeneratoren haben oder nicht, ja, der Mensch hat einen freien Willen und eine Verantwortung, die aus Millionen von Fällen erwächst, in denen er Stellung zu seinen eigenen Gedanken, Gefühlen und Urteilen bezogen und sich erzogen hat oder nicht.

Die reale Vorhersagbarkeit hat hier noch eine entscheidende Funktion: Wie gut unsere Prognosen sind, hängt so gut wie gar nicht von der realen Festgeschriebenheit des Universums ab, sondern von unseren Informationen und wie wir sie verarbeiten. Determinismus ist dann kein Problem, wenn er nicht zu Fatalismus wird. Das Konzept, dass wir in einem deterministischen Universum keine Goldmedaillen vergeben und niemanden tadeln dürften, weil ja „sowieso alles so kommt wie es kommt“ und weil „die Leute ja selbst nicht einmal etwas dagegen tun konnten gegen das, was sie tun“, ist in Wahrheit kein deterministisches Konzept – es ist ein fatalistisches. Was ist der Unterschied? Solange ich an einen offenen Ausgang und an eine Bedeutung meiner Entscheidungen glaube, fälle ich diese Entscheidungen auch. Wenn ich glaube, dass sie bedeutungslos sind, kann ich mir die Mühe auch sparen. ICH hab das Ende vom Film noch nicht gesehen, auch wenn es vielleicht schon irgendwie da ist. Aber den Dingen in mir einfach freien Lauf zu lassen, weil ich denke, dass ich da eh nichts machen kann, führt sicher nicht zu einer interessanteren, reiferen und für mich 24 Stunden am Tag erträglichen Persönlichkeit oder zu irgendetwas Gutem sonst im Leben. Sich aufzugeben, weil man glaubt, man hätte keinen Einfluss, hilft keinem. Sich auf Misserfolg und Ohnmacht zu programmieren befreit einen auch nicht aus dem Drehbuch des Universums. Nobelpreisträger wird es nur geben, solange es noch Leute gibt, die glauben, dass man etwas bewegen kann; auch, wenn die Bewegung von vornherein unvermeidbar gewesen sein sollte in einem für uns unzugänglichen Manuskript im Keller des kosmischen Amts für Weltabläufe.

Fatalismus bedeutet zu spüren, dass der eigene Charakter immer derselbe sein wird und letztlich unveränderlich zu meinem Schicksal wird – die Grundannahme hinter der klassischen Tragödie. Determinismus heißt letztlich nur „es kommt wie es kommt“, was ein als eher heiter verschrienes Völkchen sogar als Motto trägt. „Et kütt wie et kütt“ kann nämlich genauso bedeuten, dass es „ohnehin klar war“, dass sich die innere Stimme, das Gute in mir, sich Schritt für Schritt durchsetzt und ich zu der Persönlichkeit erblühe, zu der ich immer werden wollte. Ein psychologischer Unterschied zwar, in diesem Fall aber der entscheidende!

Denn vielleicht ist die Welt auch nur im Großen festgelegt und nicht im Kleinen. Vielleicht sind die Kollisionen von Galaxien unvermeidlich, einzelne Gedanken aber nicht. Vielleicht ist Determiniertheit ein Kontinuum, deren Extreme in verschiedenen Größenordnungen liegen. Vielleicht ist es aber auch ein Konzept, das nur in der Realität Sinn ergibt, in der Wirklichkeit aber gar keine Entsprechung hat. Noch wissen wir das nicht so genau. Darum geben wir doch unserer Entwicklung eine Chance, indem wir uns beharrlich, täglich, immer wieder winzig kleine Schubser in die Richtung geben, die wir gerade für gut und erstrebenswert halten. Und schauen, was passiert. Das hier ist übrigens ein Punkt, wo die Naturwissenschaften gerne mal zurückblicken und sich ein Bisschen mehr von dem wünschen, was die Philosophie seit der Antike in viel höherem Maße zu liefern imstande ist: Pathos.

Ob ein Baum von Sturmtief Dörte niedergerissen wird, steht vielleicht schon beim Sprießen aus dem Boden, oder, folgerichtig, seit dem Urknall, fest. Aber wenn dieser Baum jede einzelne Minute seines Lebens die Entscheidung darüber hätte, wohin er seine Wurzeln weiter ausstreckt, in welche Richtung er sich mehr lehnt und streckt, was er zu sich nimmt, ob er sich kräftigt und ein verantwortungsbewusster Baum wird oder ob er seinem irrationalen Hass gegen grüne Honda Accords immer wieder durch das Herabwerfen verzichtbarer Äste nachgibt, weil er denkt, dass es ohnehin keinen Unterschied macht – wenn dieser Baum all diese Entscheidungen fällen könnte, dann könnte er damit seine Chancen für einen (juristisch) entscheidenden Moment erheblich verbessern, mitbestimmen, auf welche Art er Entscheidungen fällt und wir können weiterhin Nobelpreisträger/-innen für ihren Fleiß belohnen. Und Heike darf legitimerweise dem Baum einen Tritt verpassen, wenn er sich zuvor mit heimicher Freude auf ihren grünen Honda Accord hat fallen lassen.