Neurologie: Erlebnisse und Trauma

Die folgende Anfrage über Erlebnisse und ihre Wirkung auf uns habe ich eben bekommen:

Mich würde interessieren wie das Gehirn schreckliche Erlebnisse so erfolgreich verdrängen kann, dass man sich bewusst einfach nicht mehr daran erinnern kann. Und warum trotz der Verdrängung so ein Trauma trotzdem unbewusst vorhanden sein und das ganze Leben bestimmen kann. Und wie und ob man an solche verdrängten Erinnerungen überhaupt rankommt?“

Und hier meine Antwort:

Schreckliche Erlebnisse

Die erste und technisch gesehen schwierigste Frage ist diejenige, was eigentlich ein „schreckliches Erlebnis“ ganz genau ist. Also ganz plump gefragt: Woher weiß das Gehirn denn eigentlich, dass etwas „schrecklich“ ist? Im Kern führt das zu der ungelösten, philosophischen Frage nach dem Unterschied zwischen Freude und Schmerz als „Erlebnisqualität“, die der Philosoph „Qualia“ nennt. Klar ist aber immerhin, dass unsere Gehirne laufend Bewertungen von Ereignissen vornehmen. Und auch, dass unser Belohnungssystem und das Schmerzempfinden ebenso zu diesen Bewertungen beitragen wie das Erleben von Eigenmacht einerseits oder Machtverlust oder Machtlosigkeit andererseits.  Diese Bewertungen werden überwiegend durch Emotionen begleitet oder realisiert, welche selbst wiederum überwiegend in den Basalganglien, am bekanntesten hieraus die Amygdala oder Mandelkern, erzeugt werden.

Trauma

Heißt also: Ob ein Erlebnis schrecklich ist, hängt von der Bewertung durch das Gehirn ab. Weil wir aber alle gewisse Ähnlichkeiten haben, wird es Erlebnisarten geben, die praktisch alle Menschen für schrecklich halten würden und auf die wir ähnlich reagieren würden. Ob das Erlebnis uns traumatisiert, hängt wieder von anderen, individuelleren Faktoren ab. Dazu gibt es eine wachsende Anzahl von Studien, die zeigen, dass Menschen unterschiedlich robust, oder wie man in letzter Zeit öfters hört, resilient sind. Die Faktoren für diese Robustheit sind auch wiederum komplex. Erlebnisse in der Kindheit, soziale Bindungen, Hormonhaushalt, sogar genetische Dispositionen sind im Rennen und beeinflussen sich teilweise wechselseitig. Und auch deren Zusammensetzung ist in jedem Einzelfall wiederum verschieden, was es nochmals schwieriger macht, allgemeingültige Aussagen dazu zu machen. Menschen, die Belastungen im Moment des Entstehens abarbeiten können, scheinen einen Vorteil zu haben denjenigen gegenüber, die das generell oder im Einzelfall nicht so gut können und es lieber auf später oder zur Seite (also aus dem Wachbewusstsein) schieben. Auch Überzeugungssysteme scheinen in gewisser Weise wirksam zu sein, egal, ob es sich um ein gut fundiertes Selbstvertrauen, Schicksalsglauben oder das überzeugte Anhängen an mythologischer Lehren handelt.

Wie der Verdrängungskomplex entsteht

Klar ist immerhin, dass es Verdrängungsmechanismen gibt. Die funktionieren wie Lernen und Überlernen. Heißt, stark vereinfacht: Erlebnis tut weh –> Gehirn macht Vermerk: Nicht mehr machen. Von gelbem Auto angefahren worden? Fahrenden Autos aus dem Weg gehen oder wenigstens besonders aufpassen, wenn welche auftauchen. Das wäre eine differenzierte Lehre aus dem Ereignis. Bei traumatisierenden Erfahrungen werden aber möglicherweise alle auch im weiteren Sinne mit dem Ereignis assoziierten Eindrücke (Auto, Straße, gelb, quietschendes Geräusch, Straßenlärm, schreiende Mutti, brüllender Fahrer) mit dem Schock, der Angst, dem schlagartigen Verlust des Urvertrauens fest verdrahtet und als Auslöser hoch bewertet, sodass die traumatisierte Person in Zukunft immer erschrickt, wenn jemand ähnlich schreit oder brüllt und eine leichte Abneigung gegen –  bis hin zu Panik vor – gelb, Autos oder Straßenverkehr entwickelt. Weil alle diese Faktoren in dem Maße, wie sie mit dem Ereignis und dem zugehörigen Schmerz assoziiert werden, wieder die Schmerzerinnerung wecken, kommt noch ein zweiter Schritt hinzu: Wir vermeiden nicht nur Straßen und Autos, sondern sogar die Gedanken an Straßen und Autos, weil das ja zur Schmerzerinnerung führen würde. Wir lernen, dass bestimmte Reize UND bestimmte Gedanken weh tun. Wir merken „Gedanke Straße tut weh“, wann immer wir auf ihn stoßen. Und dann kommt das Überlernen. Wir sparen uns den Schritt von Straße-Aua-Anwasanderesdenken und biegen gedanklich schon vorher ab, um schon das Schmerzauslösende zu umgehen. Damit schaffen wir Inseln von Subnetzwerken, die, solange es möglich ist, vom Rest des Gehirns gar nicht mehr angefahren werden. Wenn diese nicht durch ein Trauma hart verdrahtet sind, verschwinden sie einfach, wie alle Strukturen, die das Gehirn nie benutzt, im Laufe der Zeit. Falls doch, tragen wir eine verkapselte kleine Zeitbombe in uns, deren Auslösung wir nicht hundertprozentig verhindern können. Und dann haben wir eine aktive Verdrängung. Natürlich laufen solche Prozesse, wie etwa 98 bis 99,5% unserer Gehirnprozesse überhaupt, unbewusst ab, was den bewussten Zugriff erschwert.

Wie groß der abgespaltene Teil ist, kann auch die Diagnose verändern. Von kaum merklichen Veränderungen kann im Grunde jede dissoziative Störung aller Schweregrade letztlich darauf basieren, bis hin zu der rätselhaften und viel diskutierten Multiplen Persönlichkeitsstörung, bei der die abgespaltenen Teile so viele Anteile umfassen, dass es einem von ihnen für das autonome Bewältigen des Alltags reicht, oft unter völliger Deaktivierung der übrigen Persönlichkeitsanteile.

Umgang mit dem Schmerz

Den bewussten Zugriff verbessern können wir, indem wir achtsam sind, heißt, die Aufmerksamkeit des Wachbewusstseins gewohnheitsmäßig in das einbinden, was wir wahrnehmen. Auch in das, was wir aus unserem Inneren wahrnehmen. Ein wachsendes Angebot an MBSR (mindfulness-based stress reduction)-Kursen baut darauf, dass sich diese Erkenntnis bis in die Chefetagen herumspricht. Im Gehirn gilt: Wer fragt, bekommt auch Antwort. Auch das Wachbewusstsein. Wer regelmäßig fragt, wird auch selbstverständlich einbezogen.

Bei Schmerz (und dazu gehört immer auch der emotionale Stress dazu) gilt auch eine Art mechanisches Verteilungsgesetz: Wenn man in den Schmerz hineinspürt, also aktiv fragt, wie ganz genau er sich anfühlt, wo er wie weh tut, welche Farbe und Form und Temperatur er hat, dann setzt man mehrere Hirnareale auf die Analyse des Schmerzreizes an, wodurch sich rein mechanisch gesehen die Aktionspotenziale des Schmerzreizes mehr verteilen können. Das vermindert den Ansturm auf einzelne Areale und verhindert obendrein kräftezehrende Unterdrückungsversuche, bei denen inhibitorische, also dämpfende, Strukturen versuchen, die exzitatorischen, also antreibenden, Reize z.B. des Schmerzes zu unterdrücken, bei der also beide gegeneinander kämpfen, wie bei einer Demo, die von Polizisten niedergeschlagen werden soll. Egal, ob jemand gewinnt, oder wer, es kostet auf jeden Fall beide Seiten viel, viel Kraft. Obendrein wird durch die Aktivierung anderer Hirnareale der Erlebnisanteil des Schmerzes relativiert, er wird im Gesamtkontext der vielen Dinge, die das Wachbewusstsein einnehmen, als weniger intensiv wahrgenommen.

Schutz und Hilfe

Beim späteren Zugriff gilt: Je länger eine Verhaltensform schon aktiv ist, desto fester ist sie verdrahtet (konkret würde man das an der Myelinisierung, also der Fettummantelung der Nervenbahnen sehen) und desto elaborierter ist sie. Wer an Ur-Muster geht, die schon sehr alt sind, kann in sogenannte Altersregresse fallen, also in Verhaltensmuster, die Jahrzehnte alt sind und dementsprechend ungeschlacht und kindisch wirken können gemessen am sonstigen Reifegrad der Person. Gegen solche Routinen anzugehen braucht Zeit und Intensität, also Konzentration. Eine reizarme, ablenkungsfreie Umgebung und jemanden, der einem dabei hilft, die Aufmerksamkeit als inneren Signalverstärker auf diese Dinge zu lege – kurz, ein Therapie-Setting, zum Beispiel für kognitive Verhaltenstherapie – ist da grundsätzlich eine gute Voraussetzung. Auch ist es sinnvoll zu schauen, welche Verdrängungsmechanismen wirklich Leidensdruck erzeugen, weil sie zum Beispiel die Handlungsfreiheit einschränken, und bei welchen sich der Aufwand gar nicht lohnt. Routinen abzuändern und umzulernen braucht Zeit und Wiederholung. Neu anfallenden Stress on the go abzuarbeiten, damit er nicht zur Altlast wird, dabei helfen Forman von Mindfulness, Zen, Meditation und tatsächlich auch Improvisation. Außerdem ein stabiles soziales Netzwerk, gute, enge Freunde und eine intakte Familie. Einsamkeit und Unterbeschäftigung sowie das Gefühl, nicht gebraucht zu werden, können hingegen zu Depression führen und den Leidensdruck und auch die Anfälligkeit für Drogenabhängigkeit erhöhen.