Impro: Kontakt zum Publikum

Kein echter Unterschied

Sowohl beim klassischen als auch beim Improvisationstheater wird das Publikum unterschiedlich stark einbezogen. Sowohl vor als auch nach Diderots Forderung nach einer unsichtbaren „vierten Wand“, welche die Schauspielenden des Dramas und das Publikum voneinander trennen sollte, wurde und wird der direkte Kontakt zum Publikum durch diese Wand hindurch auch im klassischen und modernen Theater immer wieder gezielt eingesetzt.

Beim Improvisationstheater wird dem Publikum zwar ermöglicht, sehr direkt auf das Geschehen auf der Bühne einzuwirken. Doch obwohl zu diesem Zweck das Publikum kontaktiert werden muss, wird allein hierdurch noch kein gelungener Kontakt zum Publikum garantiert.

Ein typisches Symptom: Öde Vorgaben

Die meisten Improvisationsgruppen, die ich erlebt oder mit denen ich gesprochen habe, leiden mehr oder weniger darunter, dass sie von ihrem Publikum immerzu dieselben Vorgaben erhalten. Auf „Beruf“ folgt in Deutschland immer „Metzger“, auf „nicht-geographischer Ort“ folgt immer „Sauna“ und „Toilette“ und so fort. Andere Regionen haben ihre eigenen Stereotypen, so soll in Australien „snake in the toilet“ der Klassiker sein, in England kriegt man immerzu „pineapple“.  Auch wenn man sich nicht auf eine Diskussion darüber einlassen möchte, ob man in, um, bei oder inspiriert von „Sauna“ nicht auch schöne Szenen spielen könnte, ist die Eintönigkeit dieser Vorgaben für die Spielenden frustrierend, weil Improspieler gerne inspiriert sind und nicht jede Woche fünfmal zur selben Vorgabe spielen mögen.

Wessen Schuld ist das?

Das ist ganz selbstverständlich die Schuld der Impros. Der Kontakt zum Publikum wird zwar in bestimmten Formaten vor allem (aber nicht nur) durch einen Moderator oder eine Moderatorin hergestellt, aber wenn ein Gastgeber wiederholt lausige Vorgaben bekommt, ist es letztlich ein Symptom falscher Kontaktaufnahme zum Publikum, und damit eine verkehrte Haltung, die von der gesamten Gruppe kolportiert oder zumindest nicht aktiv gestaltet wird. An regelmäßig unbefriedigenden Vorgaben ist also immer die Gruppe schuld, nie das Publikum. Man kann von Zuschauenden jeden Alters und jeden Hintergrunds die wunderbarsten, schönsten und fantasievollsten Vorgaben bekommen, wenn man einen entsprechenden Kontakt herstellt und auf die richtige Weise fragt.

Kontakt heißt so viel mehr

Dieser offene, gegenseitige Kontakt zum Publikum, der jetzt hier durch das Beispiel mit den Vorgaben angesprochen wurde, ist aber nur ein Aspekt dieses komplexen Verhältnisses zwischen Bühnenleuten und Zuschauenden.

Aus der Clownsschule kann man viel über Publikumskontakt lernen. Wie bezieht man die Zuschauenden ein, wann tut man das und welchen Effekt erzielt das. Welches Bild haben wir von den Leuten, die da sitzen, und welches Bild haben die von uns. Wie kann man das Publikum adressieren, aktivieren oder einbeziehen. Wie schafft man es, schöne, fantasievolle Vorgaben zu bekommen. Geht es darum, dem Publikum etwas zu geben, ihm vielleicht zu dienen, oder nur darum, dass die dabei sein dürfen, wenn wir gemeinsam witzig sind?

Letztlich ist der Kontakt zum Publikum Resultat von Haltung, einigen Entscheidungen, und Technik. Über erstere kann man sich klar werden, zweitere kann man fällen und die Technik kann man lernen.