Impro: Körperlichkeit

Handlungen sind echt

Die meisten Kollegen und Kolleginnen würden mich als einen „körperlichen“ Spieler bezeichnen oder das als eine meiner Stärken auslegen. Meiner Auffassung nach ist Körperlichkeit keine „meiner“ Stärken sondern generell ein Merkmal von einem guten Impro. Kaum etwas wird vom Publikum derartig honoriert wie Körperlichkeit. Selbst dann, wenn es eine rohe, ungeschulte, ungeschlachte Körperlichkeit ist, solange sie nur wenigstens ausufernd und hemmungslos ist. Es macht fast den Anschein, als fühle das Publikum  im Angesicht auch ausgefuchster Dialoge und pointierter Zeilen immer so etwas wie naja, reden kann man ja viel. Körperlichkeit aber hat eine frappierende Evidenz, sie bricht soziale Alltagsnormen und ist daher allein schon durch ihre bloße Anwesenheit befreiend. Handlungen sind echt und stellen das Eigentliche, das Wahre dar; das, was tatsächlich passiert.

Sakrileg

Körperlichkeit ist (abgesehen vielleicht von der Stadion-Atmosphäre, die manche Gruppen erzeugen können) letztlich der Mehrwert gegenüber einem Hörspiel, das man sich auch zuhause auf dem Sofa anhören könnte. Körperlich zu spielen ist spektakulär, wahrhaftig und dort, wo sie pantomimische, schauspielerische oder akrobatische Exzellenz erreicht, Kunst. Körperlichkeit als Technik gehört zu den Grundfertigkeiten eines Impros. Als Talent ist sie ein Rohdiamant. Ihn zugunsten von Reden ist immerhin Silber nicht zu schleifen, ist ein Sakrileg.

Körperlichkeit hat einen Mehrwert im Inneren

Körperlichkeit ist aber nicht nur aufgrund des „visuellen Reizes für das Publikum“ ein limitierender Faktor für die Qualität beinahe aller Improvisationsformate. Die Körperlichkeit ist vor allem für die Impros selbst von größter Bedeutung. Es hat eine gewisse Tragik, dass Menschen sich in Drucksituationen auf der Bühne tendenziell in den „Kopf“ flüchten, also in das sprachliche, planende, zerlegende Denken, das ironischerweise den Flaschenhals kognitiver Datenverarbeitung darstellt und das für alles bekannt ist, aber nicht für seinen Unterhaltungswert. Dieses langsame, serielle, analytische Denken ist auch nicht der Teil, aus dem unsere Kreativität stammt und keinesfalls derjenige, der uns oder andere überraschen könnte.

Wie es geht

Diejenigen Teile in uns, die im Zusammenspiel kreativ sind, sind alle direkt mit Körperkontrolle oder Körperwechselwirkung beschäftigt. Diese Teile sind darauf ausgelegt, große Reizmengen gleichzeitig zu verarbeiten und mit anderen Funktionen zu verbinden. Hierin liegt die wahre Power unseres Geistes respektive Gehirns. Körperlichkeit bedeutet für den Bühnenimpro, seine Prozesse auszulagern aus dem kontrollierenden Wachbewusstsein, zu dezentralisieren und mit ganzem Herz und Hirn zu agieren. Dazu muss ein Impro lernen, diese Teile anzusprechen und sie zu verstehen, genauer: zu spüren. Darüber hinaus muss ein Impro dazu einen großen Teil seiner bewussten Kontrolle abgeben. Die Fähigkeit hierzu nennen wir je nach eigenem Hintergrund entweder auf Selbstvertrauen basierende Spontaneität – oder Hingabe. Nichts vermissen wir mehr bei diesen Witze reißenden, alles im Griff habenden, uns alles Schritt für Schritt erklärenden und vorkauenden Spaßmachern. Und nichts danken wir einem mutigen Impro mehr als das.

Die Essenz in allem

Charakterarbeit. Szenenarbeit. Innere und äußere Räume. Pantomime, Energie, Status. Sogar der spektakulärere Teil von Klamauk – sie alle basieren auf einer tiefen Körperlichkeit der Impros. Wer aus dem Körper spielt, braucht sich auch keine Gedanken darüber zu machen, in welchem Land er oder sie gerade ist. Diese Sprache verstehen alle.