Impro: Vom Dialog zur Handlung

Reden, reden, Talking heads. Wie kommt man vom Dialog zur Handlung?

Wir kennen das: In unserer Zweierszene versuchen wir gerade, herauszufinden, wohin die Szene gehen könnte. Wir sind ein altes Ehepaar. Unser letzter Satz war „Ich esse heute bei Annegret.“ Unser Spielpartner bringt emotionale Erregung auf und getrieben von dieser Erregung sendet er/sie uns folgenen Impuls: „Das wollte ich dir schon immer mal sagen!“ (Geht einen Schritt auf uns zu) „Früher, da haben wir Picknicks gemacht, im Grünen“ (macht einen Schritt auf uns zu, dann einen halben zurück), „Heute, da frage ich mich“ (macht einen Schritt nach rechts und einen halben nach links) „ist das alles heute noch so wie früher? Ich meine, das neulich im Kino war wirklich ganz okay, (fuchtelt mit den Händen), aber dann warst du irgendwie anders und so, verstehst du? Obwohl Veränderung ja auch dazu gehört. Irgendwie. Was meinst Du dazu?“

Mit so einem Knäuel aus Impulsen kann niemand etwas anfangen. (Der einzige verwertbare Impuls ist hier die labile Unsicherheit des Partners, die uns anzeigt, als Kontrast-Charakter den toughen Entscheidungsträger der Geschichte zu spielen). Weder auf der Bühne, noch im echten Leben sind solche wirren Signale zielführend. Es gelten (auf der Bühne – auch wenn sie im echten Leben genauso angenehm wären, wenn befolgt) diese beiden Regeln:

Erstens:

Wenn Du etwas zu sagen hast, sage es. ANSONSTEN SCHWEIGE.

Zweitens Die alte Funker-Weisheit:

Denken. Drücken. Sprechen.

Um diese beiden herrlichen Regeln des menschlichen Zusammenlebens und –spielens in der Anwendung zu erleichtern, kann man die folgenden Techniken trainieren. (Wenn ihr B und C abseits der Bühne ausprobieren wollt übernehme ich dafür keinerlei Verantwortung.)

Regel A für Dialoge: „Was will ich letztlich sagen?“

Soll heißen: Kondensiere Deine Stimmung, denke zu Ende, wo Deine Argumentation hinzielt, was das Ergebnis der Diskussion sein wird, wenn sie fertig ist. Was Deine Position wäre, wenn Du sie konsequent zu Ende denken, zuspitzen und zur Schlagzeile machen würdest. Wie immer gilt: Diese Schlagzeile muss nicht wahr sein, nicht korrekt, nicht erwartbar oder konsistent, aber sie muss auf den Punkt sein. Es gibt keine falschen Entscheidungen, nur das Vermeiden von Entscheidungen ist tödlich. Jede Entscheidung ist besser als keine.

Beispiel

In unserem Beispiel oben wären mögliche Varianten:

  1. (Kommt auf uns zu): „Du liebst mich nicht mehr.“
  2. (Dreht sich zu uns): „Liebst Du mich überhaupt noch?“ (ist als Frage legitim, weil die Frage Information enthält)
  3. (Kommt auf uns zu, bleibt nur fünf Zentimeter vor uns stehen, flüstert): „Ich will die Scheidung.“

Diese und ähnliche Impulse geben eine klare Botschaft ab, sind abgeschlossen und geben Spielpartnern die Möglichkeit, darauf zu reagieren. Außerdem wissen alle, dass so etwas nicht aus dem Nichts kommt. Mit solch einem Impuls wird eine Vorgeschichte impliziert, die auf diesen entscheidenenden Moment hinzielte. Auf der Bühne wollen wir nur entscheidende Momente sehen. Halbherzigkeit ist wie immer verboten. Nach solchen Ansagen wie diesen dreien kann nur eine klare Reaktion kommen. Entsetzen, Erleichterung, Zorn, Gelächter – aber keinesfalls eine Diskussion oder Relativierung. Klare Reaktionen erzwingen wieder klare Reaktionen, so dass die Szene sich schnell, dynamisch und klar entwickeln kann, ohne den Raum für Überraschungen zu nehmen.

Regel B für Dialoge: „jumping to conclusions

Soll heißen: Rede erst gar nicht (oder nur so wenig wie nötig) und dann lass Konsequenzen folgen.

Beispiel

In unserem Beispiel oben wären mögliche Varianten:

  1. (reißt den Kleiderschrank auf, wirft Zeug heraus): „Hier, Dein Kram. Verzieh’ Dich und komm’ nie wieder!“
  2. (Kommt zu uns, umschließt unsere Hände mit ihren/seinen): „Ich werde Dein Herz zurückerobern, ich werde unsere Liebe neu entfachen!“ (reißt sich los und eilt hinaus)
  3. (dreht langsam den Blick zu uns, fixiert uns. Spricht out of Character/als Regieanweisung): „Schnitt, bei der Beerdigung.“

Auch hier wird durch die Handlung viel erzählt, ohne dass dafür viele Worte nötig waren. Wenn der Partner bereit war, uns wegen dieser Kleinigkeit mit Annegret den Garaus zu machen, dann war da wohl noch einiges mehr; das Kopfkino der Zuschauenden springt schon an, während sie noch lachen. Jumping to conclusions hilft außerdem dabei, Planungen und Ideen zu überspringen, damit man immer frei weiter improvisieren kann an einer Stelle, an der man eben nicht weiß, wie es weitergehen könnte.

Regel C: „Wenn du dabei bist, eine Frage auszusprechen, schlucke sie nochmals runter und sage stattdessen eine spezifische Antwort auf die Frage.“

Beispiel

In unserem Beispiel oben wären mögliche Varianten als Erwiderung auf „Ich esse heute bei Annegret“:

  1. statt „Wer ist Annegret?“: „Ich hab Dir schon zwanzig Mal gesagt dass Du dieses Scheusal nicht mehr treffen sollst! Wie kannst Du ihr einfach verzeihen, dass sie mich gefeuert hat!?“
  2. statt „Warum ausgerechnet bei ihr?“: „Sie ist also nicht nur im Bett besser, sie kocht auch noch leckerer, was?“
  3. statt „schon wieder?“: „Wenn du sie heute nicht zu dem Dreier überreden kannst, suchen wir uns eine andere.“

Über die Art des Inhalts kann man natürlich verschiedene Geschmäcker haben. Aber es wird schnell klar, dass jede Art von konkreter Information den Impros mehr in die Hand gibt über die Szene als diese offenen, leeren Fragen. Sie macht den Weg frei vom Dialog zur Handlung.

Mit diesen zwei Regeln und den drei konkreten Techniken, um sie zu befolgen, kommt man sehr schnell wieder aus dem Reden ins Handeln. Viel Spaß damit!

 

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