Impro: Charaktere

Unterschiede

Im klassischen Theater haben Schauspieler/-innen Wochen oder Monate zur Verfügung, um einen facettenreichen Charakter aus einem Text heraus zu erarbeiten, ihn zu vertiefen und zu verinnerlichen. Beim Improvisationtheater haben wir in der Regel nur Sekunden zur Verfügung. Das allein legt nahe, dass die Charaktere auf einer Improbühne die Tiefe, Komplexität und Schlüssigkeit von erarbeiteten Charakteren nicht erreichen können.

Konsequenzen und der Fluch des Repertoires

Hinzu kommt, dass Impros rasch gute und schlechte Erfahrungen mit verschiedenen Charakteren machen und dass diese Erfahrungen durch eine sehr direkte, persönliche und oft physisch greifbare Rückmeldung durch das Publikum sehr intensiv sind. Ein Impro kann so schnell eine Handvoll „zuverlässige“ Charaktere entwickeln, die der Erfahrung nach funktionieren und die gewünschte Reaktion erzielen. Je höher der Druck ist, desto eher wird ein Impro sich in die Sicherheit dieses überschaubaren Repertoires flüchten. Was in der Konsequenz heraus kommt,  ist ein Impro, den man sich vielleicht ein zweites, aber kein drittes Mal ansehen würde, weil man ihn und seine Bandbreite nach einem Abend vermutlich und nach zwei Abenden sicher kennt. Der Fluch des Repertoires.

In einem Sack

Darunter leidet primär das Publikum. Letztlich ist es aber auch nicht gut für die Gattung des Improvisationstheaters. Viele klassisch ausgebildete Schauspieler/-innen kennen nur dieses klamaukorientierte Geblödel und denken „so ist Impro“. Sie weigern sich (so gesehen zurecht), Improvisationstheater als Kunstform oder Impros im weitesten Sinne als Kollegen anzusehen. Man könnte diese Schmähung freundlich ignorieren. Man stelle sich vor, ein Zuschauer hätte in seinem Leben auf der Bühne niemals etwas anderes gesehen als Bauerntheater. So jemand könnte die realitätsferne Meinung vertreten, Schauspielerei wäre generell nur Herumgealbere und könne nichts bewirken. Warum sollte ein Schauspieler die Meinung dieses Unkundigen für wichtig nehmen?

Neben dieser gelegentlichen, verständlichen Kränkung ergeben sich durch den Fluch des Repertoires jedoch auch handfeste Schwierigkeiten für professionelle Impros, also Leute, die davon leben. Ich habe Fälle erlebt, in denen Firmen die Wahl zwischen einer guten Improgruppe und einer billigen hatten, und die billige genommen haben. Grundsätzlich nachvollziehbar. Aber hinterher sagten die Leute von dem Unternehmen nicht „die Gruppe war Käse“, sondern sie sagten „Impro ist Käse“. Schlechtes Impro, kann man also zusammenfassend sagen, ist schlecht für alle, die damit zu tun haben.

Die andere Seite

Obwohl dieser oben erwähnte Fluch des Repertoires existiert – und vielleicht habt ihr jetzt auch schon Gesichter von Impros im Kopf, die eurer Ansicht nach besonders schwer davon betroffen sind – gibt es Impros, die im Handumdrehen Charaktere auf die Bühne stellen, die schillernd sind, stimmig, die Tiefe haben, überzeugen und mitreißen. Obendrein scheint die Menge an Charakteren bei diesen Impros schier unendlich zu sein. Solchen Impros kann man über Jahre hinweg immer und immer wieder zusehen, weil sie uns jedes Mal aufs Neue überraschen. Es scheint also schon irgendwie möglich zu sein.

Wie?

Die Welt des Schauspiels in einem Satz

Der berühmte englische Theaterregisseur Peter Brook hat einen Satz über die Schauspielerei gesagt, der den Nagel auf den Kopf trifft: „Die wichtigste Aufgabe eines Schauspielers ist es, eine Verbindung zwischen seiner Vorstellungskraft und seinem Körper zu ziehen.“

Das ist der beste und treffendste Satz, den ich jemals über Schauspiel gehört habe, und er stimmt in mehreren Hinsichten. Die offensichtliche Bedeutung ist, dass ein Schauspieler oder eine Schauspielerin die eigene Vorstellung so auf den Körper übertragen können muss, dass sie sichtbar wird und nicht mehr erklärt werden muss.

Wahr in mehreren Hinsichten

Die zweite, weniger offensichtliche Bedeutung ist die umgekehrte Richtung: Der Körper muss auch einen starken Einfluss auf die Vorstellungskraft haben. Sich hier zu sensibilisieren führt zu einer völlig anderen Art zu spielen: anstatt zu überlegen, welchen Charakter wir jetzt präsentieren, erspüren wir ihn. Der Trick bei der Aufgabe, das Publikum bis in die Unendlichkeit immer und immer wieder zu überraschen besteht nicht in einem riesigen Repertoire, sondern in der Gewohnheit, sich selbst immer und immer wieder aufs Neue zu überraschen. Je früher wir uns zu dieser Haltung hin erziehen, desto weniger fallen wir in die ansonsten wachsenden Trichter unserer Repertoire-Charaktere.

Charaktere mit Substanz

Es gibt so viele Wege, binnen Sekunden zu einem erkennbaren Charakter zu finden; Mantras, Körperschwerpunkte, Körperbilder, Tiere, Gang, Archetypen, Laban-Methode, um nur wenige zu nennen. Wer sie kennt, kann in jedem Augenblick zwischen ihnen wählen und sich selbst gezielt überraschen; bei Solo-Improvisation unverzichtbar. Das Publikum merkt das. Und ist baff im Angesicht von so viel Mut und echtem Pioniergeist.

Der Vorteil ist, dass diese Methoden uns gewissermaßen als Gesamtheit in ein bestimmtes Licht stellen oder anders umschrieben die Substanz, die wir bieten, auf eine gewisse Weise formen, anstatt uns auf zwei, drei Merkmale zu reduzieren, wie Grimassen- oder Repertoirecharaktere das tun. Das bedeutet, dass diese Charaktere wirkliche Substanz haben und wir alles verwenden dürfen, das wir zu bieten haben, weil der Charakter keine Reduktion ist und keine Schutzmauer zwischen uns und dem Publikum.

Funktion

Charakterarbeit erfüllt in der besten Weise mein persönliches Credo „Komm offen auf die Bühne, aber komm nicht mit leeren Händen.“ Ein Charakter mit Substanz ist in Emotion und Status beweglich, was für die Szene essenziell ist.  Hier ist auch der Berührungspunkt zwischen Charakter und Figur, also der Funktion des Charakters in der Geschichte.

Wie und woher Impros ihre Charaktere beziehen, ist also essenziell für die Entwicklung des Impros selbst, für die Mitspieler, das Publikum und für die gesamte Gemeinschaft der Impros. Nicht mehr, und nicht weniger.