Impro: Authentizität

Mehr Authentizität: Was ist die Motivation?

So viele Improspieler/-innen und viele Gruppen wollen irgendwann mehr als Klamauk. Manche wollen sich als Spieler/-in weiterentwickeln. Andere haben einfach nicht das Glück, natur-witzig zu sein und versuchen stattdessen, als Künstler wahr- und ernstgenommen zu werden. Sie wollen durch Authentizität punkten und als das gesehen werden, was sie selbst in sich sehen.

In diesem zweiten, oftmals tragischen Fall werden häufig einfach fade, von Gags gerettete Szenen ersetzt durch fade Szenen, die – der Kunst wegen – nun nicht mehr von Gags gerettet werden dürfen. Dieses Schreckensszenario durfte ich schon an unterschiedlichsten Orten bezeugen. Das Gähnen des Publikums ist allerdings nicht darauf zurückzuführen, dass die Spielenden besonders authentisch spielen, sondern darauf, dass sie versuchen, dramatisch zu sein und ihr Klischee von klassischem Theater zelebrieren. Sie nehmen sich selbst wichtiger als die Szene und – schlimmer noch – als das Publikum, weil sie im Grunde aus der niedrigsten Motivation heraus auf der Bühne stehen: der Sehnsucht nach Anerkennung. Erkennbar sind solche Spieler/-innen oftmals daran, dass sie lustige Szenen per se verpönen, weil diese als Markenzeichen des Klamauktheaters gelten. Und da steht man als Künstler natürlich drüber. Oder aus Sicht des Publikums: daneben.

Dennoch gibt es gute Gründe, sich über den Klamauk hinaus zu erweitern und die heitere Blödelei zu einem Teilbereich seiner Fähigkeiten zu reduzieren. Authentizität gewinnt dann, wenn die Impros die Sache wichtig nehmen, aber nicht ernst – ein Spagat, der bei vielen Impros in der Anfangszeit Stirnrunzeln verursacht, wenn man versucht, ihn zu erklären. Authentizität ist dann ein Mehrwert – und nur dann – wenn die Spielenden für die Szene und für’s Publikum spielen, und nicht primär für Bewunderung.

Disclaimer

Ich will nicht ausschließen, dass eine trostlose Spielweise auch von authentischem Spiel herrühren kann. Aber wenn man wirklich eine durch und durch erwiesenermaßen langweilige Person ist und kein noch so talentierter Improtrainer irgendetwas in diesem Menschen zum Strahlen bringen kann und dieser Mensch zum Unbill der Mitspielenden trotzdem am Improtheater festhalten möchte – dann muss er ja nicht unbedingt vor einem zahlenden Publikum üben.

Was jedes Publikum will

Natürlich können authentische Szenen dramatisch sein – tatsächlich sogar nur authentische Szenen. Aber egal, ob wir dem Publikum nun vorspielen, wir wären besonders witzig, oder ob wir ihm vorspielen, wir wären besonders wichtig, letztlich sind beides Masken, die als Schutzwall zwischen uns und dem Publikum stehen. Das Publikum kommt aber, um uns lachen, spielen, straucheln, kämpfen, scheitern und bestehen zu sehen, und nicht eine dazwischengeschobene Figur, die agiert wie eine Handpuppe aus einem Kindertheater. Und eine prätentiöse schon zweimal nicht.

Der Lohn für den Spieler und die Spielerin

Wie man in Szenen trotz Anspannung bei sich selbst bleibt, wie man authentisch beobachtet, spürt und agiert, um das Publikum wirklich zu berühren, am Herz, am Zwerchfell oder sonstwo, um im Gegenzug deren Herzen zu gewinnen, das kann man üben. Das immer wieder auszuhalten, sich diesem Thrill immer wieder auszusetzen, das ist der eigentliche Lohn und das nutzt sich auch nicht ab. Und letztlich gilt der Applaus, wenn man wirklich selbst auf der Bühne steht, auch einem selbst. Und nicht der Handpuppe.