Impro: Ausdruck

Das Ziel

Ausdruck, Kraft, das Publikum ein Spielball in der eigenen Hand – ein Traum.

Es geschieht:

Eine Geste, ein kurzer Satz, plötzlich: Das Publikum erstarrt, niemand atmet, alle Augen kleben auf dir, die Spannung baut sich auf, die Wände scheinen sich nach außen zu biegen und du spürst, dass du alle, aber auch wirklich alle auf deiner Hand hast. Jetzt kannst mit einem einzigen geistreichen Scherz die Geschichte mitsamt der Hoffnungen des Publikums in einem kurzen Blitz abfackeln, oder aber die Spannung halten, schüren, weiter aufbauen, bis sie schier nicht mehr auszuhalten ist –

Wenn man diesen Moment einmal hatte, dann will man ihn immer wieder. Und wer beide Varianten erlebt hat, die mit dem Gag und die ohne, wird die erste nur noch aus Schwäche wählen.

Wir alle wollen das Publikum fesseln, begeistern, ja, beeindrucken damit, wie toll wir sind. Aber erfahrene Impros haben auch allesamt diese beiden Erfahrungen gemacht:

Erfahrung a:

Du hast den genialsten Einfall, quasi den perfekten Torschuss für die Flanke, die gerade zu dir kommt. Du wartest bis zum perfekten Moment, hältst es noch aus, nicht selber schon vorher zu lachen, bringst auf-den-Punkt diesen perfekten Satz – und nichts passiert. Die Szene läuft weiter, kaum jemand scheint deinen Geniestreich zu bemerken, am wenigsten das Publikum. Zwei oder drei im hinteren Eck lachen.

Erfahrung b:

Du denkst was geht hier nur vor? Wo sind wir, was ist das für eine Szene? Ohje, das wird schiefgehen. Naja, mach ich mal einfach weiter so lange, bis ich kapiere, was hier los ist. Das Publikum schreit vor Lachen, alle lachen sie, ganz klar wegen dir und du denkst Aber ich mach doch gar nichts.

Woher kommt das?

Das kommt daher, dass das Publikum in 100% der Fälle weniger doof ist, als wir auf der Bühne denken. Die Verballhornung des ursprünglichen Theatersports von Keith Johnstone in Europa und anderswo hat sich an vielen Orten zu einem „Sich von Gag zu Gag-Hangeln“ verschärft und das Publikum in dieselbe Richtung erzogen wie das Privatfernsehen: Was nicht binnen zwanzig Sekunden zu einem Lacher oder einer rohen emotionalen Reaktion führt, ist offenbar falsch gelaufen.

Das Improtheater in Deutschland bewegt sich überwiegend zwischen einem Laurel-und-Hardy-Stummfilm und einer Episode von Tom&Jerry, nur oft ohne die erfrischende Sprachlosigkeit im ersten Fall und ohne die zugehörige Dynamik im zweiten.

Das Improtheater in Deutschland ist im Löwenanteil Kindertheater geworden, und das aus zwei fundamental falschen Annahmen der Spielenden heraus:

Erstens: Wenn die Leute nicht lachen, gefällt es ihnen nicht

Zweitens: Ich spiel’ denen einfach eine Figur vor – die merken das nicht.

Ich selbst bin groß geworden in einer Gruppe, die enorm lustig ist. Ich hatte und habe das Glück, mit fabelhaften Impros auf der Bühne zu stehen, Impros, die – zur Not für eine Stunde lang alleine – das Publikum im Lachkrampf halten können. Wir haben Proben gehabt, in denen sich das gesamte Ensemble mit verheulten Augen auf dem Boden krümmte und um Gnade wimmerte, weil eines unserer Supertalente mal wieder einen Lauf hatte.

Wir haben bei uns den Luxus, dass wir quasi garantieren können, dass das Publikum zwei oder auch drei Stunden am Stück lacht. Das ist eine tolle Sache – aber Improtheater kann eben auch mehr.

Das Publikum will mitleiden, fiebern, erschreckt werden, trauern, einen Bösewicht von Herzen hassen, es will am liebsten alles durchleben, was die Saiten ihrer Emotionen an Akkorden zulassen, ein Konzert von Bass und Trommeln über die gemischten, miteinander tanzenden Klangfarben aller Instrumente hinweg bis in die höchsten Töne der Violine – und wir geben ihm in einer Tour : Büttenreden.

Ta-Dumm-Tssss!

Im Publikum sitzen erwachsene Leute

Die Leute im Publikum merken immer, wie viel von der Figur, die sie sehen, gespielt ist und wie viel zum Spieler gehört, also echt ist. Keine Figur, die wir uns ausdenken können, ist so faszinierend, spannend, vielseitig und schillernd wie wir selbst. Weil jede unserer Figuren nur eine Teilmenge von uns ist. Im Fall von Klischeecharakteren, die nur aus einem Dialekt oder Stereotyp bestehen, sogar nur einer winzigen Teilmenge. Der Zeitrahmen, in dem solche Figuren interessant sind, bewegt sich im Sekundenbereich. Der Ausdruck einer Figur ist der Prozentsatz, den sie von uns enthält.

Je mehr wir dem Publikum vorspielen, desto mehr ist es enttäuscht – auch wenn es lacht. Es war lustig, sie schreiben ins Gästebuch, wie toll sie es fanden, aber sie erzählen hinterher nicht, dass sie im Theater waren. Sie waren beim Impro.

Echtes Risiko – echter Thrill: Ausdruck

Wenn man das Publikum begeistern, berühren will, und nicht nur beeindrucken, dann muss man sich vor ihren Augen in echte Gefahr begeben, sich hingeben, dem Risiko aussetzen. Dann entsteht auch erst der Rausch des Improvisierens in voller Stärke. Weil man da selbst auf der Bühne steht, weil man Spannung aushält, und weil man dem Publikum nicht alles erklärt. Und wenn man das fertig bringt: als ganzer Mensch auf der Bühne zu stehen und sich voll und ganz zu fordern, innerlich zu brennen und den Augenblick mit ganzem Herzen wichtig zu nehmen, aber nicht ernst, dann kommt er ganz von alleine. Der Ausdruck.