Impro: Aufsaugen und Verstärken

Keine Idee? Panik?!

Obwohl viele Impros am Beginn ihrer Erfahrungen oft Angst davor haben, was passiert, wenn sie keine Idee haben, leiden die Szenen vielversprechender Improgruppen meistens an einem Überangebot an Ideen und Impulsen. Die resultierende Verwirrung überträgt sich auf’s Publikum und die Szene hört zwar irgendwann auf (meistens viel zu spät), aber sie hat keinen Anfang, keinen Höhepunkt und kein Ende. Es entstehen bloße Abfolgen von Ereignissen, welche im besten Fall noch ein paar platte oder auch hintersinnige Scherze beinhaltete, aber keine Szene und erst recht keine Geschichte.

Wie geht Verstärken? Wie wird aus Klamauk Unterhaltungskunst?

Wenn die Impros so weit sind, sich gegenseitig zuzuhören und sich verändern lassen und zumindest gelegentlich bereit sind, Demonstrationen ihrer eigenen Witzigkeit dem Wert einer großartigen Szene zu unterwerfen, dann wächst die Improgruppe zu einem Ensemble heran, zu einer Mannschaft, in welcher die Gesamtleistung schwerer wiegt als die Summe aller beteiligten Egos. Das ist in der Wahrnehmung der Zuschauenden der Unterschied zwischen dem Herumwackeln einer austauschbaren Klamauktruppe und der Kunst des Improvisationstheaters. Anstatt immer noch mehr Ideen auf der Bühne zu versprühen und eine Müllhalde aus lustigen, weil unzusammenhängenden Elementen aufzutürmen, picken wir uns eine Sache heraus, die auf uns eine Wirkung entfaltet. Actio gleich reactio: Durch den Effekt auf einen Charakter wird die Kraft eines Ereignisses erst sichtbar, erst dadurch wird sie wahr. Erst dadurch bekommt eine Szene Kraft. Dazu muss die Szene übrigens keinesfalls düster werden – das geschieht nur, wenn Impros gerne lieber weniger riskieren als mehr und sich emotional verschließen. Was wiederum zu ablehnenden Figuren, einer emotionalen Vermeidungshaltung und letztlich Szenen wie aus dem film noir führt, in denen alles kaputt und zugrunde geht, weil die Charaktere wie innerlich tot, weil unveränderlich und unerreichbar, wirken. Dann haben wir zwar Impros mit einem künstlerischen Anspruch, aber die Szenen sind wiederum auf Action limitiert, statt Dynamik bieten zu können. Den Unterschied zwischen Standup und Theater markiert also das Aufsaugen und Verstärken von Ereignissen.

Szenen mit Bedeutung

Ist dieser Prozess des Sich-gegenseitig-zuhörens und des Sich-vom-Geschehen-verändern-lassens im Werden, ist es Zeit für den nächsten Schritt: Das gezielte Aufspüren, Vergrößern und Verstärken von Themen. Der Dreh- und Angelpunkt einer Szene kann auf diese Weise sichtbar gemacht werden, für Spielende und Publikum gleichermaßen. Die Bedeutung der Szene kann in unterschiedlichen Dimensionen vergrößert werden – nach außen oder nach innen – und wir lernen, wie wir als Spielende nahezu stufenlos wechseln können heiterem Geplänkel und dem Vorantreiben des eigentlichen Plots, um uns und das Publikum auf eine Achterbahnfahrt zu schicken, bei denen die Zuschauenden mehr durchgeschüttelt werden als die Impros.

Nie wieder abhängig

Ein fantastischer Vorteil der Kenntnis dieser Techniken ist es, dass man nie wieder eine Idee braucht, um eine Szene zu beginnen oder um einzusteigen. Gleichzeitig werden die Geschichten müheloser, eleganter, schlanker: Kunst.

Und keine Angst: das sorgt natürlich nicht dafür, dass wir weniger Ideen haben.

Und dafür, dass diese Ideen weiterhin zum Zuge kommen, dafür sorgen die Egos der Impros ganz von selbst.